Krankenkassen und Ärzte streiten über den Nutzen der professionellen Zahnpflege.

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Zahnarzthelferin Christiane Röwekamp führt eine prophylaktische Zahnreinigung bei einem Mädchen durch.

Zahnarzthelferin Christiane Röwekamp führt eine prophylaktische Zahnreinigung bei einem Mädchen durch.

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Zahnarzthelferin Christiane Röwekamp führt eine prophylaktische Zahnreinigung bei einem Mädchen durch.

Düsseldorf. Nicht nur sauber, sondern rein? Wer zu Hause die Zähne putzt, schafft es kaum, alle Bakterienbeläge zu entfernen. Deshalb empfehlen Zahnärzte die professionelle Zahnreinigung (PZR). Doch wie wirksam ist sie tatsächlich?

Der GKV Spitzenverband kommt in seinem IGeL-Monitor zu dem Ergebnis: Die Bewertung der professionellen Zahnreinigung bei Erwachsenen ohne Parodontitis „ist unklar“. Denn man habe keine aussagekräftige Studie gefunden, die den Nutzen belegt. Das löste einen Sturm der Entrüstung unter Zahnärzten aus.

Damit rede man ein Erfolgsmodell kaputt, kritisiert Johannes Einwag, Vorsitzender der Gesellschaft für Präventive Zahnheilkunde. Die Studienlage sei gut: „In kaum einem Bereich gibt es so viel faktische Gegebenheit, wie bei der Zahnreinigung.“

„70 Prozent der Bevölkerung haben mittlerweile eine Entzündung des gesamten Zahnbettes, eine Parodontitis.“

Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer

Auch die Bundeszahnärztekammer (BZÄK) kritisiert die Studienauswahl beim IGeL-Monitor. „Man hat nur überprüft, welchen Nutzen eine PZR für gesunde Patienten hat“, sagt BZÄK-Vizepräsident Dietmar Oesterreich. „Aber 70 Prozent der deutschen Bevölkerung haben mittlerweile eine Entzündung des gesamten Zahnbettes, eine Parodontitis.“ Und bei dieser Erkrankung gehöre die PZR zur Behandlung dazu.

Eine wichtige skandinavische Studie fehle im IGeL-Monitor, die von 1974 bis 2004 die Wirkung guter Zahnpflege zu Hause kombiniert mit regelmäßiger professioneller Zahnreinigung untersuchte. Insgesamt gab es am Ende weniger Karies, weniger parodontale Erkrankungen und weniger Zahnverluste. Tatsächlich ist der lange Untersuchungszeitraum beeindruckend, aber wegen aus heutiger Sicht methodischer Mängel habe man diese Studie nicht in die Bewertung aufgenommen, so der Medizinische Dienst der Krankenkassen.

Gründliche Reinigung und zuckerarme Ernährung

Kosten und Ablauf einer professionellen Zahnreinigung (PZR) sind nicht verbindlich definiert. Je nach Praxis und Aufwand bezahlen Patienten etwa 50 bis 150 Euro. Eine speziell ausgebildete Fachkraft (eine Prophylaxe- oder Fachassistentin bzw. Dentalhygienikerin) sollte Zahnbeläge über, am bzw. unter dem Zahnfleischsaum entfernen, die Zahnzwischenräume reinigen, Zähne polieren und fluoridieren sowie über die richtige Zahnpflege informieren. Am Ende kontrolliert der Zahnarzt Ergebnis und Zahnzustand.

ie Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) kritisierte die Einordnung der PZR in den IGeL-Monitor. Bei Zahnärzten gebe es keine IGeL, es handle sich um Zusatzleistungen. Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hatte jedoch gleich zu Beginn klargestellt, rein formal gebe es IGeL in der Zahnarztpraxis nicht, man habe aber zahnärztliche Selbstzahlerleistungen im IGeL-Monitor bewerten wollen und nenne sie „der Einfachheit halber auch IGeL“.
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Auch aus Sicht von Patientenvertretern ist die Studienlage in der Zahnmedizin mangelhaft. „Ein gesunder, motorisch nicht eingeschränkter Mensch kann alleine seine Zähne gut pflegen“, sagt Gregor Bornes, Zahnexperte bei der Unabhängigen Patientenberatung UPD. Damit sich die schädlichen Bakterien gar nicht erst einnisten, ist jedoch eine wirklich gründliche Reinigung einmal am Tag ebenso wichtig wie eine zuckerarme Ernährung. Bornes wirbt zudem für die Zahnsteinentfernung. Im Gegensatz zur PZR ist sie eine Kassenleistung, wenn auch nur einmal pro Jahr. Johannes Einwag betont dagegen, das reiche nicht, weil Zahnstein meist auf die Zähne beschränkt sei, wo die Speicheldrüsen sitzen.

Die PZR wurde Anfang 2012 im Rahmen der Novellierung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) als medizinisch notwendige Maßnahme aufgenommen. Sie gilt jedoch als „prophylaktische Leistung“, dient also der Vorbeugung, und ist keine Kassenleistung. Einige gesetzliche Krankenversicherungen finanzieren die PZR im Rahmen von freiwilligen Leistungen, die privaten Kassen zahlen sie in der Regel.

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