Bewertungsportale für Ärzte sind umstritten. Informieren sie die Patienten oder führen sie in die Irre?

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Patienten können Ärzte im Netz beleidigen, so dass ihr Ruf geschädigt wird.

Patienten können Ärzte im Netz beleidigen, so dass ihr Ruf geschädigt wird.

dpa

Patienten können Ärzte im Netz beleidigen, so dass ihr Ruf geschädigt wird.

Düsseldorf. Weil er einen Patienten nicht krank schreiben wollte, gab es für Dr. Christian Maxeiner aus Düsseldorf eines Morgens eine böse Überraschung. Der Patient hatte ihm Pommes mit Ketchup und Majo an sein Praxisschild geschmiert. Das war vor zwölf Jahren. Heute könnte der Patient seinen Unmut digital verbreiten - abrufbar in aller Welt.

So wie Lehrer, Krankenhäuser und Hotels bewertet werden, können Patienten auch Ärzte öffentlich loben und kritisieren. Für die einen ein Weg zu mehr Transparenz, für andere ein digitaler Ärztepranger. Patienten können Punkte oder Schulnoten geben - für die Wartezeiten, das Beratungsgespräch, das Vertrauensverhältnis, die Praxisorganisation oder die fachliche Kompetenz.

Der Verfasser ist rechtlich für seinen Eintrag verantwortlich

"Ich fand diese Ärztin unmöglich", schreibt zum Beispiel ein Patient über eine Hautärztin aus NRW. Der Patient genießt dabei den Schutz der Anonymität - die Ärztin nicht. Eine Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und Rufschädigung.

Deshalb warnt der Rechtsanwalt Philipp von Mettenheim vor allzu emotionalen Einträgen: "Das ist eine Quelle für eine massive Schädigung des betroffenen Arztes, zum Beispiel durch Patientenschwund. Letztlich ist der Verfasser rechtlich für seinen Eintrag verantwortlich."

Beleidigungen dürfen nicht sein, Meinungsäußerungen schon, sagt der Gründer und Geschäftsführer von "DocInsider", Ingo Horak. "Die zentrale Frage für jeden ist doch: Wie finde ich den besten Arzt? Und bisher bekommt der Patient dazu fast überhaupt keine Information." Ähnlich argumentiert Healthpool- und Securvita-Gründer Thomas Martens: "Es gibt gute Ärzte und schlechte Ärzte. Die guten wird das Feedback freuen."

Die AOK startet das Pilotprojekt "Arzt-Navigator"

Die Bundesärztekammer (BÄK) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) haben eine Qualitäts-Checkliste für Arztbewertungsportale herausgegeben. Für Nutzer (also Patienten) sollen damit verlässliche Gesundheitsinformationen besser erkennbar werden.

Zur Checkliste gehören etwa folgende Punkte: Gibt das Impressum Aufschluss über die Identität des Betreibers? Wie ist der Datenschutz geregelt? Sind Werbung und Inhalt getrennt? Ist das Bewertungsverfahren verständlich? Werden Freitexteinträge redaktionell geprüft? Gibt es Schutz vor Schmähkritik? Können betroffene Ärzte auf Bewertungen reagieren?

Die Checkliste ist beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin, Tel. 030/ 4005-2501, abrufbar oder im Internet (Link, siehe unten).

Mit der AOK steigt nun ein Schwergewicht in den Ring. Der Krankenkassen-Marktführer mit knapp 24 Millionen Versicherten will im ersten Quartal 2010 seinen geplanten "Arzt-Navigator" offiziell vorstellen, das Portal soll im zweiten Quartal 2010 in zwei oder drei Pilot-Regionen starten.

"Wir wollen einen hohen wissenschaftlichen Standard", sagt Kai Kolpatzik, Leiter Abteilung Prävention beim AOK Bundesverband. Deshalb arbeite man mit der Bertelsmann-Stiftung zusammen, die bereits den Krankenhaus-Führer "Weiße Liste" entwickelt hat. Nach der Entwicklungsphase werde die AOK den Arzt-Navigator für alle Krankenkassen öffnen.

Um zu vermeiden, dass ein Arzt durch eine einzige Bewertung als gut oder schlecht gilt, soll beim AOK-Bertelsmann-Projekt eine Hürde von 20 bis 50 Bewertungen gelten, bevor eine Arztbewertung online gehe.

Uwe Schwenk, Programm-Direktor der Bertelsmann-Stiftung, sieht "berechtigte Kritik" an den bisherigen Angeboten, im Prinzip aber gehe es um Transparenz: "Der Patient hat im Gesundheitssystem immer mehr Wahlmöglichkeiten. Aber mündig werden Patienten nur durch Information."

Doch können Patienten eine ärztliche Leistung objektiv beurteilen? Prof. Kuno Winn, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund, bezweifelt das: "Patienten wissen, ob sie sich besser oder schlechter fühlen. Dieses Gefühl können sie aber nur selten mit einer bestimmten Leistung des Arztes in Verbindung bringen."

Die Verbraucherzentrale (VZ) rät, Arztbewertungsportale nur ergänzend zu nutzen. "Die meisten Angebote sind mit Vorsicht zu genießen", sagt Stefan Etgeton, Fachbereichsleiter Gesundheit und Ernährung beim VZ-Bundesverband.

"Oft gibt es zu wenig Bewertungen pro Arzt und oft ist der Anlass für eine Bewertung ein negatives Erlebnis. So etwas ist nicht repräsentativ." Für "DocInsider"-Chef Horak dagegen ist das Problem des Missbrauchs "klein": "Bei 100000 Freitext-Berichten haben wir bisher 500 Fälle von Missbrauch festgestellt.

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