Warum gehen die Deutschen so oft zum Arzt? An Krankheiten liegt das nicht – eher an der Bürokratie.

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Volle Wartezimmer sind Alltag in deutschen Arztpraxen.

Volle Wartezimmer sind Alltag in deutschen Arztpraxen.

dpa

Volle Wartezimmer sind Alltag in deutschen Arztpraxen.

Krefeld. Der Arztreport der Barmer GEK sorgt weiterhin für Diskussionen. Wie bekannt wurde, gehen die Deutschen immer häufiger zum Arzt. Nach Ansicht von Experten liegt das jedoch nicht daran, dass die Deutschen so krank sind. Es liegt vor allem am System, oder - wie Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer - sagt, an den "Irrungen des Systems".

"Patienten stehen zu Beginn eines Quartals Schlange, um ihre zehn Euro zu bezahlen und sich dafür möglichst viele Überweisungen ausstellen zu lassen."

Norbert Scholz, Allgemeinmediziner aus Krefeld

Die Praxisgebühr, eigentlich als Steuerungsinstrument eingeführt, habe versagt, sagt Norbert Scholz, Allgemeinmediziner aus Krefeld. Denn ein erheblicher Teil der Arzt-Patienten-Kontakte sei nicht medizinisch begründet, sondern mit dem Ausstellen von Rezepten, Überweisungen und Bescheinigungen. Scholz kritisiert, dass die Patienten zu Beginn eines Quartals "Schlange stehen, um ihre zehn Euro zu bezahlen und sich dafür möglichst viele Überweisungen ausstellen zu lassen".

Nicht selten brauche ein Patient vier Überweisungen, drei Rezepte und eine Quittung. "Das dauert 20 Minuten. Damit habe ich die Regelleistung von 31 Euro, die ich pro Patient für ein Quartal bekomme, schon aufgebraucht."

Vor allem aber schickten viele Fachärzte ihre Patienten mit Befund- und Therapiebesprechung wieder zum Hausarzt, oder der Patient komme wegen Problemen in der Apotheke wieder zurück. Allgemeinmediziner Norbert Scholz vergleicht das System mit einer Flatrate: "Die muss man abschaffen."

Das bestätigt der Verband der niedergelassenen Ärzte, der NAV-Virchow-Bund: "Viele Patienten verbinden mit der Praxisgebühr den Anspruch auf unbegrenzte Überweisungsscheine", sagt Pressesprecher Klaus Greppmeir.

Laut Barmer GEK rechneten niedergelassene Ärzte im Jahr 2008 je Versichertem durchschnittlich 7,5 Behandlungsfälle ("Krankenscheine") ab. 2007 waren es noch 7,1 - im Jahr 2004 sogar nur 6,5.

Am häufigsten wurden 2008 Rückenschmerzen (26 Prozent), Bluthochdruck (25,4), Sehstörungen (21,5) und Fettstoffwechselstörungen diagnostiziert.

Dr. Norbert Scholz: "Die Medizindiscounter", Verlag Neuer Merkur, 16,90 Euro.

Dass die Praxisgebühr gestrichen werden sollte, empfiehlt auch die Bundesärztekammer. "Wir Ärzte würden gerne daran mitarbeiten, die Patientenkontakte auf das medizinisch Notwendige zu beschränken. In Schweden etwa gibt es bei chronischen Krankheiten ein elektronisches Langzeitrezept."

Jeder sollte überlegen, ob der Arztbesuch notwendig ist

Der Verfasser des Arztreportes, Prof. Friedrich-Wilhelm Schwartz, sieht den Grund für die "Arztrennerei" darin, dass die Deutschen an eine "sehr liberale" Gesundheitsversorgung gewöhnt seien. "In Schweden muss man mehr bezahlen, wenn man in die Praxis kommt, in England gilt eine strikte Hausarztbindung, und in Frankreich etwa muss man erst bezahlen und bekommt später die Kosten erstattet."

Seine Empfehlung: "Jeder Einzelne sollte überlegen, ob es wirklich nötig ist, zum Arzt zu gehen. Wenn man dann aber zum Arzt geht, sollte man auf mehr Zeit beim Termin drängen."

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