Privat oder gesetzlich?
Privat Krankenversicherte gelten als privilegiert, allerdings können ihre Beiträge im Laufe der Zeit stark steigen. Ein Wechsel zu den privaten Kassen sollte daher gut überlegt sein. (Foto: Andrea Warnecke)

Privat Krankenversicherte gelten als privilegiert, allerdings können ihre Beiträge im Laufe der Zeit stark steigen. Ein Wechsel zu den privaten Kassen sollte daher gut überlegt sein. (Foto: Andrea Warnecke)

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Privat Krankenversicherte gelten als privilegiert, allerdings können ihre Beiträge im Laufe der Zeit stark steigen. Ein Wechsel zu den privaten Kassen sollte daher gut überlegt sein. (Foto: Andrea Warnecke)

Berlin (dpa/tmn) - Privat Krankenversicherte gelten als privilegiert. Sie müssen nicht so lange beim Arzt warten und bekommen im Krankenhaus ein Einzelzimmer. Der Nachteil: Die Beiträge können im Laufe der Zeit stark steigen. Ein Wechsel sollte daher gut überlegt sein.

Endlich mal als Erster beim Arzt drankommen, die teuren Füllungen beim Zahnarzt nicht selbst bezahlen müssen, im Krankenhaus vom Chefarzt behandelt werden - solche Vorstellungen verbinden viele Menschen mit einer privaten Krankenversicherung. Aber nicht für jeden sind die privaten Anbieter erreichbar: Zwar dürfen Beamte und Selbstständige ihre Kasse frei wählen. Aber Angestellte sind oftmals verpflichtet, in die gesetzliche Versicherung einzuzahlen. Es sei denn, sie verdienen viel Geld.

Bis 2010 mussten Angestellte drei Jahre hintereinander ein hohes Einkommen nachweisen, um wechseln zu dürfen. Seit 2011 ist das einfacher: Jetzt reicht es, die sogenannte Versicherungspflichtgrenze ein Jahr lang überschritten zu haben. 2011 lag sie bei einem Bruttojahreseinkommen von 49 500 Euro, 2012 sind es 50 850.

Die Branche habe von dieser Gesetzesänderung profitiert, sagt Dirk Lullies vom Verband der Privaten Krankenversicherung in Berlin. In den ersten sechs Monaten 2011 hätten insgesamt 54 000 Menschen eine Vollversicherung abgeschlossen, 20 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Knapp neun Millionen Bundesbürger seien damit inzwischen in einer privaten Kasse.

Lullies wirbt mit der Flexibilität der Angebote. «Wir bieten eine sehr große Freiheit, was sowohl das Produkt als auch den Tarif angeht. Ich kann die Leistungskomponenten wählen, die mir wichtig sind.» Nur für das, was sich der Kunde aussuche, müsse er auch bezahlen. Wichtig sei außerdem: «In die bestehenden Verträge kann nicht eingegriffen werden.» Anders sei dies bei der gesetzlichen Krankenversicherung, denn die gesetzlichen Grundlagen könnten sich ändern.

«Die private Krankenversicherung ist in Einzelfällen kurzfristig billiger, langfristig rechnet sie sich jedoch kaum», hält Florian Lanz vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen dagegen. Ein Nachteil einer privaten Absicherung sei, dass Kinder und nicht-arbeitende Ehepartner ebenfalls einen eigenen Vertrag abschließen müssten. In der gesetzlichen Versicherung seien sie über den Hauptverdiener beitragsfrei geschützt.

Zwar biete eine private Kasse punktuell mehr Leistungen. Allerdings müsse jeder Kunde diese mit seiner Krankenversicherung auch vertraglich festlegen, sagt Lanz. Denn was nicht im Vertrag stehe, werde auch nicht bezahlt. Das könne viele Kuren und wichtige Hilfsmittel betreffen. Der Leistungskatalog der gesetzlichen Versicherung entwickle sich dagegen laufend weiter, und alle Kassen müssten immer das zahlen, was vorgeschrieben sei. Das sei für alle Menschen das Gleiche.

Ein weiterer Punkt sei die schwere Rückkehr in eine gesetzliche Versicherung: Nur in besonderen Fällen könnten Privatversicherte in die gesetzliche Krankenversicherung zurück. Wer älter als 55 Jahre sei, für den heiße es: «In der Regel kommen sie nicht zurück.»

Für Sascha Straub, Leiter des Bereiches Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern in München, ist es schwierig, pauschale Empfehlungen für oder gegen eine bestimmte Versicherung auszusprechen: «Es ist immer eine individuelle Prüfung notwendig.» Allein in einem ist er sich sicher: «Für Beamte lohnt sich die private Versicherung auf jeden Fall, weil sie nur die Hälfte zahlen müssen.» Das gelte auch, wenn ein Beamter oder eine Beamtin einen Ehepartner und Kinder mitversichern müsste.

Ein Angestellter hingegen müsse sich die Vor- und Nachteile genau angucken. Gut an den Privaten seien die Wahlmöglichkeiten: «Man kann es individuell komplett anders vereinbaren als bei einer gesetzlichen Kasse.» Für einen jungen, gut verdienenden und gesunden Mann, der sich sicher sei, dass er nie Kinder bekommen wolle, könne sich das lohnen. Allerdings solle jeder Interessent aufpassen, dass er nicht nur auf einen niedrigen Beitrag achte: «Diese Mager-Tarife sind nicht zu empfehlen», erklärt der Verbraucherschützer. Hierin seien zu wenige Leistungen enthalten.

Der Bund der Versicherten weist in einer Broschüre darauf hin, dass sich gesetzlich Versicherte bestimmte Leistungen wie eine Chefarztbehandlung im Krankenhaus auch durch eine private Zusatzversicherung verschaffen können. Unschlüssige, die sich über hohe Zahlungen in der gesetzlichen Kasse ärgerten, sollten sich bewusst sein, dass die Beiträge bei den Privaten mit dem Alter stiegen: «So mancher Rentner hat sich erstaunt die Augen gerieben, als er feststellen musste, dass die private Krankenversicherung für ihn fast unbezahlbar geworden ist», heißt es in der Broschüre. Wer wechsle, solle in jungen Jahren Geld sparen, um im Alter die Versicherung zahlen zu können.

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