Berlin (dpa) - Ein einzigartiges Suchsystem für junge Ausreißer in Deutschland verzeichnet erfreuliche Erfolge. Auf der Webseite mein-kind-ist-weggelaufen.de finden betroffene Eltern professionelle Unterstützung.

«Nach zwei Jahren haben wir eine Erfolgsquote von 1:3 in Berlin oder 1:4 bundesweit», sagt Jörg Richert, Geschäftsführer der Berliner Jugendhilfeeinrichtung Karuna e.V. In einem Netzwerk mit 17 weiteren Initiativen richtete Karuna vor zwei Jahren als «Bündnis für Straßenkinder Deutschland» die Website mein-kind-ist-weggelaufen.de ein und übernahm die Federführung. Hier erhalten Eltern über eine zentrale Telefonnummer Unterstützung bei der Suche nach ihrem Kind - psychologisch und auch tatkräftig. Etwa fünf Mal pro Woche rufen hilfesuchende Eltern an.

Um die 20 000 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 21, so schätzt das Straßenkinderbündnis zurückhaltend, laufen jährlich von Zuhause fort. Das Gros kommt aus Problemfamilien, viele sind bereits mehrfach ausgerissen. «Wir versuchen den Kontakt zwischen Kindern und Eltern wieder herzustellen, aber sind dabei immer die Anwälte des Kindes», betont Richert. Deshalb werde selten die Polizei eingeschaltet. Wenn verzweifelte Eltern anrufen, bitten die Sozialarbeiter sie darum, dem Kind zunächst einen Brief zu schreiben. Zusammen mit einem Foto wird dieser Brief dann bundesweit an vernetzte Straßenkindereinrichtungen weitergegeben.

«Die Treffpunkte der Runaway-Szene sind bekannt. Streetworker oder andere Ausreißer erkennen dort die Gesuchten dann häufig wieder», sagt Richert. Berlin beispielsweise sei eine Drehscheibe. «Viele die weg wollen, gehen nach Berlin», sagt Richert. Stets entscheide jedoch das Kind darüber, ob es wieder Kontakt zu den Eltern haben wolle. «Durch den Brief kommen oft starke Emotionen hoch.»

Eine Begegnung finde - falls erwünscht - dann meist am Aufenthaltsort des Kindes statt, ein Sozialarbeiter moderiert dabei. «Aber man muss sagen: So gut wie keiner geht in die Familie zurück», resümiert Richert. Oft seien die Konflikte so groß, die erlebte Gewalt so stark, dass ein getrennter Weg hilfreicher sei. «Denn es gibt kaum Fälle, wo jemand spontan wegen einer einzigen Sache wegläuft.»

Die Bündnis-Initiativen stellen in diesem Fall Kontakt zu den zuständigen Stellen her, vermitteln zum Jugendamt oder zu Wohnprojekten und begleiten die jungen Ausreißer bei Bedarf. «Bei Karuna bleiben die Jugendlichen im Schnitt ein bis anderthalb Jahre in unserer Straßenkinderakademie. Wir versuchen, sie in die Arbeit zu bekommen, und in dieser Zeit 'Knautschzonen' wie Verschuldung, Kriminalität, Suchtprobleme in den Griff zu kriegen.» Etwa 2000 bis 2500 jugendliche Ausreißer leben nach Einschätzung von Richert in der Hauptstadt, suchen in Hilfseinrichtungen, WGs oder Leerstand-Wohnungen Unterschlupf. Die meisten davon stammen aus Berlin selbst.

Service:

Die bundesweite Kontakt-Telefonnummer für Eltern lautet +49 30 5548 9529.

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