Berlin (dpa) - 1984 fragte Herbert Grönemeyer: Wann ist ein Mann ein Mann? Heute lautet die Frage eher: Wann ist ein Mann ein guter Vater? Das Ringen um ein neues Rollenverständnis ist in vollem Gang - beflügelt auch von Debatten um familienfreundlichere Arbeitszeiten.

Als SPD-Chef Sigmar Gabriel Anfang Januar seine Mittwochnachmittage für Tochter Marie reservierte, machte das Schlagzeilen bis nach Italien. Ein Minister als aktiver Teilzeit-Vater? Im Land der großen Kinderliebe ist das für viele Männer unvorstellbar. In Deutschland hat sich der Wind lange gedreht. Hierzulande wird selbst für die Bundeswehr nun über Teilzeit diskutiert. Immer mehr Männer schwanken zwischen dem traditionellen Rollenbild als Ernährer ihrer Familie und dem Wunsch nach mehr Zeit mit ihren Kindern hin und her. Es ist wie ein neuer Stressfaktor.

Oft ist es nicht allein eine Frage von Zeit und Geld. Es geht um die Anerkennung neuer Männerrollen und um die Wünsche von Frauen. Das macht die Sache kompliziert. Wie kompliziert, hat die Zeitschrift «Eltern» nun in einer repräsentativen Umfrage unter Vätern beleuchtet. Vater sein bedeutet heute ein Leben mit mehr Widersprüchlichkeiten als früher, lautet ein Hauptergebnis.

Mehr als die Hälfte der befragten Männer fühlt sich zwar nach der Geburt ihres Kindes glücklicher und erfüllter - auch wenn der Preis dafür weniger Sex, weniger Zeit als Paar und mehr Streiterei ist. Doch gleichzeitig spüren viele Männer mehr Druck. Sie haben das Gefühl, nicht genug für ihre Kinder da zu sein.

«Väter wollen früh eine Erziehungsfunktion haben und nicht das fünfte Rad am Wagen sein», sagt Ralf Sprecht, Vorsitzender des Vereins Väter in Hamburg. «Trotzdem fühlen sich viele Männer auch weiterhin als Ernährer. Der Tag hat aber nur 24 Stunden. Deshalb sind viele Männer so ausgepowert.» Aber vom Vollzeitjob lassen will die große Mehrheit auch nicht. Liegt das an der Karriereplanung? Nicht nur, meint der Schriftsteller Ralf Bönt. «Was man heute unterschätzt ist, dass fast alle Männer bei der Geburt eines Kindes einen Schub von Sicherheitsdenken haben. Die Arbeitsstunden gehen hoch.»

So weit, wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) gehen wollte, scheint die Gesellschaft noch nicht zu sein. Eine 4-Tage-Woche mit jeweils 32 Stunden für junge Väter und Mütter? Die Ministerin habe eine Vision geäußert, hieß es schnell. Dabei stammte die Zahl vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das die günstigste Variante für eine Vereinbarung von Familie und Beruf ausgerechnet hatte. Der Soziologe Thomas Gesterkamp bedauert, dass die Idee so schnell «plattgemacht» wurde.

Trotzdem ist einiges in Bewegung. Seit der Einführung des Elterngeldes 2007 lässt sich messen, wie rasant sich Gewohnheiten verändern. Mehr als jeder vierte Vater eines Neugeborenen nehme heute Elternzeit, heißt es beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Doch die Mehrheit entscheidet sich weiter für zwei Monate. Auch das sei nicht zu unterschätzen, sagt Gesterkamp. Schließlich sei es ein historisches Phänomen, dass Väter jetzt für Säuglinge alleinverantwortlich sein können.

«Solche Prozesse brauchen Zeit, das dauert eine Generation», sagt Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin der Zeitschrift «Eltern». Die Saat für ein neues Vater-Verständnis ist für sie vor 30 Jahren gelegt worden, als die ersten Männer bei der Geburt dabei waren. «Heute muss ein Vater schon sehr gute Gründe nennen, wenn er nicht dabei ist», sagt sie.

Wahrscheinlich hat sich auch noch keine deutsche Männergeneration so viel Zeit für ihre Kinder genommen. Reicht das nicht langsam? Nein, sagen viele Mütter. Sie fordern von ihren Partnern nicht nur Mithilfe im Haushalt, sondern Mitverantwortung, ein Fifty-Fifty. Rollen werden neu verhandelt. Klappt das nicht, stecken meist die Frauen im Job wieder zurück, nicht die Männer.

Für junge Mütter sei vieles trotzdem einfacher, sagt Chefredakteurin Lewicki. Sie könnten heute aus einer Vielzahl von gesellschaftlich akzeptierten Rollen wählen. «Für Männer gibt es neue Vätermodelle erst seit ein paar Jahren», ergänzt sie. Und für Männer sei es immer noch leichter, Selbstwert über berufliche Leistung zu finden, ergänzt Autor Bönt.

Auch in der Arbeitswelt tut sich etwas. Wer gute Fachkräfte sucht, muss heute etwas bieten. Dax-Unternehmen lassen sich dafür inzwischen von Väter-Vereinen beraten. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) will die Bundeswehr unter anderem mit Teilzeitarbeit familienfreundlicher gestalten. Doch die Meinungen über Elternzeiten bleiben geteilt. Headhunter warnen weiter vor Karriereknicks bei längeren Pausen.

Wer an Wochentagen morgens im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg in die Cafés schaut, sieht dennoch Bilder, die vor 20 Jahren irritiert hätten: Väter mit Dreitagebart, die sich kinderwagenschaukelnd über die jüngsten Durchschlafquoten austauschen. «Papa-Welle» nennt das Gesterkamp. Er glaubt an einen kulturellen Umbruch, der sich langsam vollzieht. Für Lewicki geht es hier nicht nur um junge Familien. Sie glaubt, dass die Generation, die in den 80er Jahren zur Welt kam, eine andere Einstellung zur Rolle der Arbeit hat: Sie würde auch ohne Kinder lieber nur vier Tage arbeiten.

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