Der Sozialpsychologe Manfred Hassebrauck forscht an der Bergischen Universität zum Thema Liebe, Partnerschaft und Online-Dating.

Namen wie Kevin oder Chantal bekamen auf Dating-Plattformen viel weniger Klicks als etwa Alexander oder Charlotte. (Foto: Frank May)
Namen wie Kevin oder Chantal bekamen auf Dating-Plattformen viel weniger Klicks als etwa Alexander oder Charlotte. (Foto: Frank May)

Namen wie Kevin oder Chantal bekamen auf Dating-Plattformen viel weniger Klicks als etwa Alexander oder Charlotte. (Foto: Frank May)

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Namen wie Kevin oder Chantal bekamen auf Dating-Plattformen viel weniger Klicks als etwa Alexander oder Charlotte. (Foto: Frank May)

Wuppertal. Herr Hassebrauck, wie kommen Beziehungen zustande?

Manfred Hassebrauck: Es gibt kein universelles und einheitliches Grundmuster. Wichtig ist zunächst das Interesse, das eine Person bei mir weckt. Aber die Grundbedingung ist die sogenannte Kontaktwahrscheinlichkeit. Wir brauchen überhaupt erst einmal die Möglichkeit, mit einer anderen Person in Kontakt zu kommen. Was nützt uns die häufig ersehnte Seelenverwandtschaft mit einer Person, wenn wir gar keine Möglichkeit haben, sie zu treffen.

Die Möglichkeit, mit jemandem in Kontakt zu kommen, ist durch das Internet um ein Vielfaches größer geworden.

Hassebrauck: Das ist richtig. In den 90er Jahren konnte man noch beobachten, dass Beziehungen meist zwischen Personen entstanden, die in einem Radius von höchstens 30 Kilometern voneinander geboren wurden. Heute ist es so, dass zunehmend mehr Beziehungen im Internet entstehen. Sei es durch zufällige Begegnungen in Chatrooms oder durch gesteuerte Suche in Online-Dating-Portalen. Nach einer Schätzung, die allerdings auf Umfragen im Internet beruht, entsteht ein Drittel aller neuen Beziehungen im Internet. Diese Zahl ist wohl etwas zu hoch, aber weist den Trend schon auf. Deutlich über zehn Millionen Menschen sind bei Dating- Portalen angemeldet.

Also ist es hinfällig, etwa in Wuppertal in die Bar zu gehen, denn Beziehungen kann ich ja auch im Internet beginnen?

Manfred Hassebrauck hat nach seinem Studium der Psychologie 1993 habilitiert.

 

Er ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der Universität Wuppertal. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Qualität von Paarbeziehungen.

Hassebrauck: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Es ist ja sogar eine intelligente Strategie, wenn man auf Partnersuche ist, das Feld der Verfügbaren zu erweitern.

Nichtsdestotrotz birgt das Anbändeln im Internet auch Risiken.

Hassebrauck: Absolut. Es kommt vor, dass Leute sich ein falsches Geschlecht zulegen, um sich Vertrauen zu erschleichen. Und nicht alles, was die Leute sagen, ist hundertprozentig ehrlich. Männer schummeln gerne bei der Größe, Frauen machen sich ein wenig leichter als sie sind. Aber schummeln tun wir doch im Prinzip auch beim Date im Alltagsleben. Es fängt beim Schminken an, oder man kommt mit dem teuren Auto des Freundes zur Verabredung. Ich glaube, besonders gefährlich ist es, wenn man sich sogleich im Internet verliebt, ohne sich persönlich kennengelernt zu haben. Deshalb sollte man sich so schnell wie möglich persönlich treffen.

Das kann aber wiederum gefährlich sein.

Hassebrauck: Deshalb sollte man sich nie bei jemandem zu Hause treffen, sondern an öffentlichen, neutralen Orten, die man ohne Probleme verlassen kann. Ein Hamburger-Restaurant am Hauptbahnhof zum Beispiel.

Sehr romantisch . . .

Hassebrauck: Das soll es ja auch nicht sein. Wenn man nach fünf Minuten feststellt, das ist nicht mein Typ, sollte man, ohne dass es peinlich ist, gehen können.

Gut, es kommt also zum Kennenlernen und zu einer Beziehung durch das Internet. Jetzt sagen Sie, dass diese Beziehungen beständiger sind als solche, die im „normalen“ Leben entstehen. Warum?

Hassebrauck: Im Internet wird anders kommuniziert. Die Menschen sind offener und reden eher über persönliche Sachen, über die sie in der normalen Unterhaltung nicht reden würden. Damit entsteht relativ schnell ein viel vertrauteres und umfassenderes Bild vom Anderen, das wir sonst erst nach Monaten hätten. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Beziehung erfolgreich ist, steigt, wenn sich die Partner ähnlich sind, und das lässt sich im Internet schneller herausfinden. Bei meinen Untersuchungen hat sich herausgestellt, dass von 100 Beziehungen, die im Internet entstanden sind, nach zwei Jahren noch 50 bestehen. Bei den Studenten an der Uni Wuppertal, die ich befragt habe, war schon nach sechs Monaten ein Drittel davon nicht mehr zusammen.

Sie sagen, Ähnlichkeit ist wichtig für eine funktionierende Beziehung. Wenn man aber im Internet jemanden kennenlernt, der beispielsweise aus Bayern kommt, ist zumindest das soziale Umfeld alles andere als ähnlich.

Hassebrauck: Deshalb ist es ja auch so, dass viele in Online-Portalen die Suche auf einen bestimmten Umkreis einschränken.

Also alles wie vor den Zeiten des Internet-Datings?

Hassebrauck: Naja, man schränkt zwar die Zahl der Verfügbaren wieder ein, sie ist aber dennoch größer als die, die im normalen Alltag zur Verfügung steht.

Denken Sie denn, dass in Zukunft Beziehungen nur noch im Internet entstehen?

Hassebrauck: Nein, das glaube ich nicht. Weil wir alle ein wenig das Risiko, das Zufällige und das Unbestimmte mögen, was mit Bekanntschaften, die man nicht plant, einhergeht. Das macht doch den Reiz des Flirtens aus.

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