Geschwisterkinder
Zwischen dem ersten und zweiten Kind liegen durchschnittlich vier Jahre. (Foto: Patrick Pleul)

Zwischen dem ersten und zweiten Kind liegen durchschnittlich vier Jahre. (Foto: Patrick Pleul)

dpa

Zwischen dem ersten und zweiten Kind liegen durchschnittlich vier Jahre. (Foto: Patrick Pleul)

München (dpa) - Der Altersunterschied zwischen einem neugeborenen zweiten Kind und dem Erstgeborenen lag in Deutschland im Jahr 2010 bei vier Jahren, teilte das Statistische Bundesamt. Doch welche Bedeutung hat solch ein Abstand?

Der Münchner Geschwisterforscher Prof. Hartmut Kasten beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit den Vor- und den Nachteilen von Altersunterschieden zwischen Geschwistern. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur spricht er darüber. Kasten (66) hat selbst einen viereinhalb Jahre jüngeren Bruder.

Haben Altersabstände zwischen Geschwisterkindern eine herausragende Bedeutung oder werden sie falsch gewichtet?

Kasten: «Altersunterschiede spielen keine große Rolle, im Vergleich zu anderen Faktoren. Menschen entwickeln sich ihr ganzes Leben lang weiter. Ebenso wichtig wie Geschwister sind Eltern, Schule, andere Kinder und Freunde. Außerdem gab es zwar früher stets so etwas wie einen Stammhalter und festgezurrte Wege in der Erziehung. Aber das ist nicht mehr so. Heute passt sich die Erziehung durch die Eltern den Individuen an. Insgesamt beeinflusst die Geschwisterkonstellation nach unseren Schätzungen nur zu fünf Prozent die Persönlichkeit eines Kindes.»

Gibt es trotzdem so etwas wie einen idealen Altersabstand zwischen Brüdern und Schwestern?

Kasten: «Wenn man als Elternteil möchte, dass es entspannt zugeht, dann plant man einen Altersabstand von drei Jahren - im besten Fall sogar das Geschlecht. In diesem Alter wird zum Beispiel die Geburt eines Geschwisterchens problemlos vom älteren Kind akzeptiert. Das Kind hat dann sein Vertrauen und seine Persönlichkeit weit genug entwickelt und reagiert gelassener. Es empfindet kein 'Entthronungstrauma' mehr, das ansonsten im schlimmsten Fall bis ins Erwachsenenalter nachwirken und das Verhältnis zum jüngeren Geschwisterkind ebenso belasten kann wie die Beziehung zur Mutter. Nicht zuletzt profitiert das jüngere Kind natürlich von den Erfahrungen des großen Bruders oder der Schwester.»

Und wie ist das bei einem geringeren Abstand?

Kasten: «Ist der Abstand zwischen den Kindern kleiner, resultiert zumeist eine engere Bindung. Außerdem machen Eltern schwierigere Phasen der Erziehung dann nur einmal durch und haben schneller wieder mehr Zeit für sich. Andererseits führt ein geringer Altersabstand der Geschwistern und die empfundene Konkurrenz schneller zu Rivalität und Konflikten. Man lügt sich in die Tasche, wenn man das abstreitet und sagt, es herrsche immer Harmonie. Nicht zuletzt haben Neid und Streit auch Folgen für spätere Jahre: Wenn man immer wie Hund und Katze gewesen ist, dann hinterlässt das gewisse Spuren.»

Lässt sich ein Altersunterschied planen?

Kasten: «Ja, mittlerweile wird das unter anderem in Australien bereits recht liberal praktiziert. Auch in China, das lange unter der strikten Ein-Kind-Politik gelitten hat, erlebt die vergleichende Forschung zwischen Geschwistern und Einzelkindern derzeit einen Boom.»

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