Mann im Büro
Gegen «irre» Kollegen hilft nur eins: Im eigenen Arbeitsbereich eigene Regeln schaffen - und Bündnisse mit anderen schließen. Foto: Diagentur

Gegen «irre» Kollegen hilft nur eins: Im eigenen Arbeitsbereich eigene Regeln schaffen - und Bündnisse mit anderen schließen. Foto: Diagentur

dpa

Gegen «irre» Kollegen hilft nur eins: Im eigenen Arbeitsbereich eigene Regeln schaffen - und Bündnisse mit anderen schließen. Foto: Diagentur

Appel (dpa/tmn) - Sind in deutschen Büros und Fabriken eigentlich alle verrückt? Ein Blick auf die aktuellen Job-Ratgeber legt das nahe. Dort wird die Arbeitswelt oft als Irrenhaus bezeichnet. Auch der Markt mit Tipps zum Überleben in diesem Irrenhaus boomt.

Beim Blick in die Regale der Buchläden könnte man meinen, die meisten Chefs und Kollegen gehörten in Zwangsjacken gesteckt. «Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus» heißt ein aktueller Besteller unter den Job-Ratgebern. Daneben steht: «Am liebsten hasse ich Kollegen», «Raus aus dem Irrenhaus!», «101 Tipps, wie Sie den täglichen Bürowahnsinn überleben», «Wer Kollegen hat, braucht keine Feinde mehr» und viele mehr. Die Büros scheinen zum Irrenhaus der Nation geworden zu sein. «Es gibt kaum eine Verrücktheit, die man nicht in zig Unternehmen genau so findet», sagt Martin Wehrle, Karrierecoach aus Appel bei Hamburg. Doch mit der richtigen Therapie kann man dem Büro-Irrsinn entkommen.

Als Wehrle vor eineinhalb Jahren sein Buch «Ich arbeite in einem Irrenhaus» mit kleinen Episoden aus dem Arbeitsleben veröffentlichte, war ihm nicht klar, was er damit lostreten würde. Rund 2000 Zuschriften von Lesern bekam er, die aus ihrem alltäglichen Büro-Irrsinn erzählten - und ihm so gleich den Stoff für den zweiten Band lieferten, der seit ein paar Wochen verkauft wird.

Da geht es um den Chef, der seine Mitarbeiter einfach nicht über einen Bombenalarm informiert, weil er den Arbeitsausfall nicht in der Bilanz verbuchen wollte. Oder um den Manager, der erst die Putzfrau einspart und dann die teure Vertriebs-Mannschaft zum Putzen verdonnert. Vor allem aber geht es um den Zickzackkurs und die Kurzsichtigkeit vieler Entscheidungen, die die Mitarbeiter auf die Palme bringt.

«Wo früher überlegt gehandelt wurde, tobt heute ungezügelter Aktionismus», sagt Wehrle. «Viele Manager fühlen sich durch die Börsengläubigkeit und aus Sorge vor den nächsten Quartalszahlen genötigt, ständig etwas Neues zu präsentieren. Zur Not wird eben restrukturiert, obwohl bislang alles super lief.»

Doch auch wenn die Mitarbeiter noch so sehr über ihre wankelmütigen Chefs schimpfen - denen gehe es häufig nicht besser, weiß Michael Paul, Unternehmensberater in Wien und Berlin und Autor des Buchs «Raus aus dem Irrenhaus!». «Die Spielregeln der Märkte ändern sich rasend schnell, Technologiezeiten werden kürzer, die Erwartungen der Eigentümer an das Top-Management sind extrem hoch - und wer die nicht erfüllt, fliegt raus.» Das prägt den Führungsstil.

Doch was hilft gegen so viele scheinbar Irre um einen herum? «Erstmal muss man sich klar machen: Ich bin ja nicht nur in diesem Irrenhaus drin, ich arbeite ja auch selbst daran mit», sagt Wehrle. «Ich kann zwar die Großwetterlage nicht ändern, denn die wird vom Management gemacht. Aber ich kann in meinem Arbeitsbericht kleine Schirme der Vernunft aufspannen.» Wer Bündnisse mit den Kollegen und dem direkten Vorgesetzten schmiede, habe gute Chancen, in seinem Zuständigkeitsbereich zumindest einigermaßen unbehelligt vom Irrsinn der Chefetagen zu arbeiten.

Letztlich gebe es zwei verschiedene Arten, mit denen die Menschen auf den alltäglichen Büro-Wahnsinn reagierten, sagt die Augsburger Management-Beraterin Theresia Volk - und beide machten das Problem nur noch schlimmer. «Der Größenwahnsinnige sagt, mit dem richtigen Zeitmanagement, dem richtigen Coaching und dem richtigen Einsatz ist das alles schaffbar. Der Ohnmächtige wundert sich schon gar nicht mehr darüber, dass jeden Tag eine andere Sau durchs Dorf getrieben wird.» Doch wer wirklich etwas dafür tun wolle, den Wahnsinn an seinem Arbeitsplatz zu bekämpfen, sollte sich offen mit der Unternehmenskultur beschäftigen und Führungskräfte auf Probleme ansprechen.

Literatur:

- Martin Wehrle: Ich arbeite immer noch in einem Irrenhaus. Neue Geschichten aus dem Büroalltag, Econ Verlag, 320 S., 14,95 Euro, ISBN-13: 978-3430201339

- Michael Paul: Raus aus dem Irrenhaus!: Stoppt den Wahnsinn - Wie Unternehmen aufräumen und den Weg zurück in die Normalität finden, Linde Verlag, 232 S., 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3709303726

- Theresia Volk: Unternehmen Wahnsinn: Überleben in einer verrückten Arbeitswelt, Kösel-Verlag, 224 S., 17,99 Euro, ISBN-13: 978-3466309061

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