Als Jugendlicher lichtete Detlef Matthes immer wieder die Ostseite der Grenze ab und wurde dafür von der Stasi verhaftet.

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Die Ostseite der Mauer am Reichstagufer in den Achtzigern, hinten der S-Bahnhof Friedrichstraße.

Die Ostseite der Mauer am Reichstagufer in den Achtzigern, hinten der S-Bahnhof Friedrichstraße.

Detlef Matthes

Die Ostseite der Mauer am Reichstagufer in den Achtzigern, hinten der S-Bahnhof Friedrichstraße.

Berlin. Detlef Matthes (41) wuchs in der DDR auf. Der Westen mit seinen schnellen Autos, Rockbands, vor allem aber seiner Freiheit faszinierte ihn. Doch die Mauer versperrte ihm den Weg auf die andere Seite, markierte das Ende seiner realen Welt. Als Jugendlicher fotografierte er so oft wie möglich die Ostseite der Mauer in Berlin und musste dafür sechs Wochen ins Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

Herr Matthes, feiern Sie 20 Jahre Mauerfall?

Matthes: Nein. Ich feiere den 26. Februar 1988, den Tag, als ich mit meinem Bruder und meiner Schwägerin rüber gekommen bin am Checkpoint Charlie.

Sie haben im Alter von 16 bis 18 Jahren die Ostseite der Berliner Mauer oft fotografiert. Warum?

Matthes: Ich wollte nach West-Berlin, und man hat mich nicht gelassen. Von daher wollte ich zumindest das fotografieren, was mich daran hindert. Es war für mich eine Möglichkeit, vielleicht auch späteren Generationen aufzuzeigen: Bis dahin ging’s in meiner Welt und nicht weiter.

Es entstanden 179 Fotos und 35Negativfilme. Können Sie sich noch an Ihre Motive erinnern?

Matthes: Ja, angefangen hat es in Wilhelmsruh, und dann ging’s immer weiter runter. Meine Hauptmotive waren in Mitte, Friedrichshain und Treptow.

Waren Sie sich des Risikos damals bewusst?

Matthes: Eher indirekt. Also, ich wusste, dass es verboten war und ich sicher erst mal einfahren würde, wenn man mich erwischt. Aber der Drang zu fotografieren war einfach größer. Es war auch noch viel Naivität im Spiel.

Die Stasi ist ja dann auch 1987 auf Sie aufmerksam geworden.

Detlef Matthes, geboren 1968, wuchs in Biesenthal auf. In der DDR wurde er in einem Kraftfuttermischbetrieb in Eberswalde ausgebildet. Nach seiner Ausreise in den Westen 1988 machte er sein Fachabitur und studierte Pharma-Chemie-Technik. Heute ist er arbeitslos.

Seine Fotos sind teilweise unscharf oder überbelichtet, da Matthes seine Aufnahmen heimlich machen musste. Meistens ist auf den Aufnahmen nur die "Hinterlandsicherungsmauer" zu sehen, wie die erste Sperre genannt wurde. Nach seiner Verhaftung 1987 beschlagnahmte die Stasi die Keksdosen, in denen er die Bilder aufbewahrte. 1995 erhielt er bei der Stasiunterlagenbehörde unverhofft seine Bilder wieder.

Matthes: Ja, Pfingsten 1987 gab’s Ausschreitungen in Ost-Berlin. Auf West-Berliner Seite gab es drei Tage lang das "Concert for Berlin" mit David Bowie, Eurythmics und Genesis. Auf der Ost-Berliner Seite haben die das Brandenburger Tor nach und nach immer weiter abgeriegelt, damit die Leute noch nicht mal die Musik hören konnten. Ich hab’ das fotografiert und wurde von der Stasi angehalten.

Was ist dann passiert?

Matthes: Ich habe ein paar Tage später einen Erlebnisbericht geschrieben, der nach West-Berlin zu "Kontraste" gehen sollte. Der kam aber nicht an, weil die Staatssicherheit ihn abgefangen hat. Daraufhin haben die mich anderthalb Monate später ausfindig gemacht und nach Hohenschönhausen mitgenommen.

Was wollte die Stasi?

Matthes: Die wollten natürlich alles wissen. Warum ich fotografiere - die wollten mir Spionage nachweisen. Das haben sie aber nicht geschafft. Stattdessen wollten sie mir den Paragrafen 219, "ungesetzliche Verbindungsaufnahme", nachweisen. Das hätten sie auch geschafft, da kam dann aber die Amnestie von Honecker dazwischen, die mich vor fünf Jahren Knast gerettet hat.

Sie haben dann einen Ausreiseantrag gestellt, der auch bewilligt wurde. Was war das Erste, was Sie im Westen gemacht haben?

Matthes: Ich hab mir erstmal die Mauer angeguckt und bin mit U- und S-Bahn gefahren.

Konnte der Westen halten, was Sie sich von ihm versprochen haben?

Matthes: Naja, was mir am wichtigsten war, habe ich erst im Laufe der Zeit gemerkt. Das war, dass ich nicht mehr überwacht wurde, dass ich frei reden konnte. Das war im Osten völlig undenkbar.

Sie leben seit 1988 in Kreuzberg. Wie hat sich Berlin verändert?

Matthes: West-Berlin ist nicht mehr so, wie es vor dem Fall der Mauer war, wie ich es noch erleben durfte. Durch die Sonderstellung West-Berlins damals gab es einen besonderen Zusammenhalt unter den Menschen. Früher war die Stadt in Ost und West geteilt, heute ist sie in Arm und Reich geteilt. Berlin wird immer radikaler.

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