Seit 1991 durften Reporter keine Kriegsopfer mehr filmen. Die neue Regierung beendet das Medien-Embargo.

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Bilder, die bisher tabu waren: Ein Flugzeug mit Särgen getöteter Amerikaner aus dem Irak ist auf dem Luftwaffenstützpunkt Delaware eingetroffen.

Bilder, die bisher tabu waren: Ein Flugzeug mit Särgen getöteter Amerikaner aus dem Irak ist auf dem Luftwaffenstützpunkt Delaware eingetroffen.

dpa

Bilder, die bisher tabu waren: Ein Flugzeug mit Särgen getöteter Amerikaner aus dem Irak ist auf dem Luftwaffenstützpunkt Delaware eingetroffen.

Washington. Fast 20 Jahre lang durften die flaggenbedeckten Särge gefallener US-Soldaten weder fotografiert noch gefilmt werden. Nun hat Verteidigungsminister Robert Gates das Embargo überraschend aufgehoben. Die Entscheidung darüber, ob Bilder in der Zeitung oder im Fernsehen erscheinen, sollen aber nicht etwa die Massenmedien treffen, sondern die Familien der Kriegsopfer selbst.

Es war eine kuriose und zugleich peinliche Szene, die im Februar des Jahres 1991 den damaligen Präsidenten George Bush Senior dazu bewog, das umstrittene Embargo zu verhängen: Während Bush bei einer Pressekonferenz bewusst locker wirkte und mit Reportern scherzte, blendeten Fernsehstationen bedrückende Bilder vom Luftwaffenstützpunkt in Delaware ein. Mit Sternenbanner bedeckte Särge rollten aus dem Frachtraum eines Flugzeugträgers, der die gefallenen Soldaten aus dem Irak zurücktransportiert hatte.

Prompt erließ das Weiße Haus ein komplettes Medienembargo. Keine Kameras, keine Videogeräte. Kein Amerikaner sollte jemals wieder die traurigen Bilder heimkehrender Kriegsopfer sehen. Das soll nun anders werden. Gates erklärte, dass "mir das Verbot nie so richtig passte".

Schon vor mehr als einem Jahr habe sich der Pentagon-Chef, der schon dem Ex-Präsidenten George W. Bush zur Seite stand, überlegt, wie man das Embargo aufheben könnte. In der Zwischenzeit habe er mit Generälen und Militärexperten sowie den Familien der getöteten Soldaten gesprochen. Sein Fazit: "Wir dürfen uns nicht anmaßen, diese Entscheidung zu treffen. Sie muss bei den Angehörigen liegen."

Vizepräsident Joe Biden begrüßte die Entscheidung. "Zu bedenken ist auch, dass viele Familien aufs Fernsehen angewiesen sind, weil sie es sich nicht leisten können, nach Delaware zu reisen", erklärte Biden.

Ex-Präsident Bill Clinton ließ Ausnahmen zu

Die USA marschierten im März 2003 in den Irak ein. Anfangs beteiligten sich 40 Staaten an der "Operation Iraqi Freedom". 300 000 Soldaten waren in der Region stationiert. Bis heute ist die USA mit 140 000 Soldaten der größte Truppensteller.

Die Zahl der getöteten irakischen Zivilisten liegt Schätzungen zufolge bei mehr als 150 000. Die USA verloren über 4000 Soldaten, die Briten rund 200, andere Partner-Nationen insgesamt etwa 150.

Ausnahmen hatte es durchaus gegeben. So ließ Ex-Präsident Bill Clinton im Oktober 2000 Kameras zu, um die Särge jener Soldaten zu fotografieren, die bei dem Terroranschlag auf den Flugzeugträger USS Cole ums Leben kamen. Auch veröffentlichte die US-Luftwaffe im Jahr 2001 Bilder der Opfer des Terroranschlags auf das Pentagon. Wie Kritiker aber feststellen, habe es sich in beiden Fällen weniger um eine Ehrung von Soldaten gehandelt, sondern um den Versuch der Regierung, politisch zu agitieren.

Obwohl mehr als zwei Drittel der Amerikaner der Ansicht sind, dass Bilder der Särge sowohl in Zeitungen als auch im Fernsehen veröffentlicht werden sollten, stößt Gates’ Entscheidung auf gemischte Reaktionen. Russell Johnson, dessen 20-jähriger Sohn beim zweiten Irakeinsatz bei einem Selbstmordanschlag ums Leben kam, will den Fernseher nicht einschalten, wenn Bilder aus Delaware ausgestrahlt werden. "Es würde frische Wunden aufreißen", sagt er.

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