Um Gewalt vorzubeugen, kann selbst ein Händedruck zum Schulverweis führen. Eltern und Bürgerrechtler sind entsetzt.

Debatte
Dass man gegen Tritte und Schläge einschreitet, ist selbstverständlich. Doch in den USA geht man viel weiter.

Dass man gegen Tritte und Schläge einschreitet, ist selbstverständlich. Doch in den USA geht man viel weiter.

dpa

Dass man gegen Tritte und Schläge einschreitet, ist selbstverständlich. Doch in den USA geht man viel weiter.

Washington. Körperkontakte werden an amerikanischen Highschools zunehmend kriminalisiert. Immer mehr Schulen gehen dazu über, Küsse, Umarmungen und Schulterklopfen zu verbieten. Manchmal kann sogar ein simpler Händedruck zum Schulverweis führen. Bürgerrechtsorganisationen sprechen von unzulässigen Eingriffen in die Privatsphäre. Sie blieben mit ihren Protesten aber bisher ohne Erfolg.

Der Trend hatte 2007 mit der Kilmer Middle School seinen Anfang – in einem öffentlichen Gymnasium in Vienna, Virginia, einem Vorort der US-Hauptstadt Washington D.C.. Der Schulvorstand beschloss damals überraschend ein rigoroses Verbot sämtlichen physischen Kontakts zwischen den Teenagern.

Arm um die Schulter der Freundin: Schüler wird zur Direktorin zitiert

Zunächst wurde das Dekret belächelt. Als aber der 13-jährige Hal Beaulieu ins Büro der Direktorin zitiert wurde, weil er während der Mittagspause den Arm um die Schulter seiner Freundin gelegt hatte, entfachte der Zwischenfall eine hitzige Debatte um die angebliche „Militarisierung“ öffentlicher Schulen. Beaulieus Eltern schrieben Briefe an den Vorstand und forderten eine Rücknahme des Verbots. Auch stiegen führende Medien in die Diskussion ein. Der Hörfunkmoderator Rush Limbaugh lästerte über „Kontrollmaßnahmen, die unamerikanisch sind und an ein totalitäres System erinnern“.

Argument: „Ein Händedruck kann zu weiteren intimen Kontakten führen“

Die frühere Schuldirektorin Deborah Hernandez aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Ein Händedruck kann zu intimen Kontakten und Ausschreitungen führen“, sagt sie. Hernandez behauptet, dass bestimmte Formen des Händeschüttelns gelegentlich auch ein geheimes Signal zwischen Mitgliedern einer gewalttätigen Bande seien.

Besonders ungern werden Umarmungen und Schulterklopfen gesehen, ebenso wie junge Paare, die in der Öffentlichkeit Händchen halten. Hernandez weist aber darauf hin, dass in vielen Situationen Schüler erst eine Warnung erhalten und nur im Wiederholungsfall mit Konsequenzen rechnen müssen.

Elternverbände organisieren öffentliche Anhörungen

Häufig sind die Regeln nicht schriftlich festgehalten, sondern stehen im Ermessen der Schuldirektoren. Besonders streng geht die East Shore Middle School im US-Staat Connecticut vor. Dort können selbst die harmlosesten Berührungen zum permanenten Schulverweis führen. „Was völlig unschuldig aussieht, kann schlimme Folgen haben“, begründet Direktorin Catherine Williams die Maßnahme. Obwohl Elternverbände öffentliche Anhörungen organisiert haben und Bürgerrechtsorganisationen protestieren, stießen die Einwände bisher auf taube Ohren. „Es ist schlichtweg unfassbar“, erklärt der Rechtsanwalt und Staatsrechtler William Brady. „Eine Verfassungsbeschwerde gegen diese absurden Regeln hätte große Chancen auf Erfolg.“

Leserkommentare (3)


() Registrierte Nutzer