Der prominente Putin-Gegner Michail Chodorkowski sorgt bei seinem Auftritt in Berlin für Nachdenklichkeit.

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Er redet leise, aber schonungslos: Kremlkritiker Michail Chodorkowski, der die Sanktionen des Westens gegen Russland für falsch hält.

Er redet leise, aber schonungslos: Kremlkritiker Michail Chodorkowski, der die Sanktionen des Westens gegen Russland für falsch hält.

dpa

Er redet leise, aber schonungslos: Kremlkritiker Michail Chodorkowski, der die Sanktionen des Westens gegen Russland für falsch hält.

Berlin. Es hat, räumt der Vorsitzende Mathias Platzeck ein, intern „die eine oder andere Anmerkung gegeben“. Und auch die russische Botschaft sei nicht gerade amüsiert gewesen über die Idee, Michail Chodorkowski zum „Deutsch-Russischen Forum“ einzuladen. Aber jetzt ist der schwerreiche einstige Ölmagnat, Ex-Häftling und prominenteste Gegner Wladimir Putins gekommen. „Ich muss ja nicht mit allem übereinstimmen“, sagt Platzeck, einst Ministerpräsident in Brandenburg. Die Distanz ist mit Händen zu greifen.

Keiner klatscht, als der 51-jährige Russe, der in der Schweiz lebt, den übervollen Saal betritt. Das Schweigen wirkt eisig. Aber vielleicht ist es auch bloß abwartend. Viele Russen und langjährige deutsche Russland-Freunde sind im Publikum, auch zwei Botschaftsvertreter. Das deutsch-russische Forum ist ein Club der Russland-Versteher.

Die Sanktionen des Westens gegen Russland hält er für falsch

Chodorkowski steht gebückt am Pult und redet leise. Aber schonungslos. Wirtschaftlich gerate Russland immer mehr in die Krise, sagt er. Und zwar unabhängig von den Sanktionen, die auch er falsch findet, weil sie die Russen noch mehr mit Putin zusammenschweißen. Aber die Ölpreise steigen schon seit geraumer Zeit nicht mehr, der Rest der Wirtschaft ist vernachlässigt, der Druck im Kessel nimmt zu, viele innovative Unternehmer verlassen das Land. Das Vertrauen in das Rechtssystem ist ausgehöhlt, weil es bei Bedarf von Putin und seinen Getreuen „manuell gesteuert“ wird, um Gegner abzuservieren.

Gegen Putin kandidieren will Chodorkowski nicht

Chodorkowski wirft dem Präsidenten vor allem vor, ein autokratisches Regime errichtet zu haben, um nicht mehr abgewählt werden zu können. Früher habe er noch gesagt, Putin sei liberaler als 70 Prozent der Russen. Seit Putins letzter Wiederwahl 2012 gelte das nicht mehr. Jetzt habe Putin „das Tier Nationalchauvinismus geweckt“ und die Bevölkerung antiwestlich mobilisiert. Chodorkowski sieht sich als Brückenbauer. Er wolle den Russen helfen, die Brücke zu Europa zu sehen und zu betreten, zu europäischen Werten. Das, schildert er, sei das Ziel der von ihm gegründeten Stiftung „Offenes Russland“. Es gehe nicht um andere Führer, sagt Chodorkowski, also wolle auch er nicht gegen Putin kandidieren. Sondern um ein anderes System. Ein System mit Gewaltenteilung, mit Rechtsstaat und parlamentarischer Demokratie.

So wie er es schildert, ist „Offenes Russland“ am ehesten noch mit dem „Neuen Forum“ zu vergleichen, einer DDR-Bürgerrechtsvereinigung, die 1989 auch das Denken verändern wollte, aber nicht die Macht anstrebte. Vielleicht hat sich Platzeck nun an seine eigene Vergangenheit erinnert. Schließlich begann auch er damals als DDR-Bürgerrechtler. Jedenfalls geht der Sozialdemokrat zum Schluss ans Mikrofon und sagt deutlich weniger distanziert als zu Beginn: „Ich glaube, wir haben heute einen sehr nachdenklichen Abend erlebt.“ Die meisten klatschen.

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