Der britische Ex-Premier rechtfertigt den Krieg und sagt: „Ich würde die gleiche Entscheidung wieder treffen.“

Sechs Stunden verhören die Experten im Irak-Untersuchungsausschuss.
Sechs Stunden verhören die Experten im Irak-Untersuchungsausschuss.

Sechs Stunden verhören die Experten im Irak-Untersuchungsausschuss.

Sechs Stunden verhören die Experten im Irak-Untersuchungsausschuss.

London. Es war ein Schauspiel, auf das Großbritannien lange gewartet hatte. In der Hauptrolle: Rhetorik-Supertalent Tony Blair, der am Freitag vor einer Untersuchungskommission die letzte Chance bekam, den Irak-Krieg zu rechtfertigen. Zu sehen bekam das Land jedoch ein Theaterstück, dessen Ende zum großen Frust der Briten offen blieb.

Der Auftritt hätte selbst hartgesottene Politiker blass werden lassen: Mütter und Väter toter Soldaten im Nachbarsaal, vor Kopf wie das Jüngste Gericht fünf Experten aufgereiht und als Hintergrundmusik die Rufe "Lügner" und "Mörder" von Demonstranten vor der Tür. Ihrem Protest stellte Blair sich erst gar nicht. Er kam durch den Hintereingang der Messehalle, um sich braungebrannt, selbstsicher und bisweilen auch mit einem süffisanten Lächeln zu erklären.

"Man kann nicht herumsitzen und warten, bis die Katastrophe passiert."

Tony Blair

Dabei sind die Vorwürfe enorm, so enorm, dass sie die Briten selbst sieben Jahre nach dem Irak-Einmarsch noch immer leidenschaftlich beschäftigen und Blairs Ruf über Nacht vom Genie zur Hassfigur reduziert haben. Um jeden Preis soll Blair die Invasion durchgesetzt haben - und dabei alle Zweifel an der Rechtmäßigkeit dieses Krieges ignoriert, Informationen des Geheimdienstes aufgebauscht und das Parlament belogen haben.

Blair verteidigte den Angriff auch am Freitag: "Der Irak war nach dem 11. September 2001 nicht gefährlicher als vorher, aber unsere Risikoeinschätzung hatte sich verändert." Obwohl Saddam Hussein nicht am World-Trade-Center-Attentat beteiligt war, sei an dem Tag die Toleranz gegenüber Schurkenstaaten mit Nuklearprogrammen erschöpft gewesen. "Das war nicht nur die Sichtweise der USA, sondern absolut auch meine eigene", so Blair.

Informationen stützten sich auf einen tratschenden Taxifahrer

Doch Massenvernichtungswaffen, von denen er behauptet hatte, dass es sie "ohne Zweifel" gebe, wurden im Irak nie gefunden. Ein Geheimdienstdossier, das die Angriffsfähigkeit des Irak mit "45 Minuten" bezifferte und die Invasion letztlich auslöste, stützte sich auf Informationen eines tratschenden Taxifahrers - dubiose und offensichtlich falsche Angaben.

Die verdeckte Kriegsvorbereitung hatte dazu geführt, dass lebenswichtige Ausrüstung nicht rechtzeitig im Irak eingetroffen war. Ex-Verteidigungsminister Geoff Hoon hatte der Kommission bereits zu Protokoll gegeben, dass er Blair damals inständig um kugelsichere Westen gebeten hatte und er angewiesen wurde, "sich zu beruhigen."

Da die Kommission kein Gerichtsprozess ist, hat die Untersuchung keine persönlichen Konsequenzen für Tony Blair.

"Ich musste einfach eine Entscheidung treffen", sagte Blair, "und es gibt immer verschiedene Einschätzungen. Man kann aber nicht herumsitzen und warten, bis die Katastrophe passiert." Er habe nach den Terroranschlägen kein Risiko eingehen wollen. "Das hat nichts mit Täuschung oder Verschwörung zu tun."

Blair war immer wieder vorgeworfen worden, den Krieg in geheimen Absprachen mit George W. Bush beschlossen zu haben, unabhängig vom tatsächlichen Bedrohungspotenzial. "Wir haben weiter an einer friedlichen Lösung gearbeitet und nur für den Notfall parallel eine militärische Option vorbereitet", verteidigte sich Blair.

Auf die Frage, warum er dem Parlament den Sachverhalt so nicht schon 2003 dargelegt habe, antwortete Blair: "Das Parlament ist ein schwieriges Forum." Eine UN-Resolution für den Einmarsch, das räumte er ein, hätte "das Leben einfacher gemacht". Doch es sei klar gewesen, dass andere Staatschefs seine Bedrohungsanalyse nicht teilten und im Sicherheitsrat Widerstand geleistet hätten.

Zweifel sind ihm trotz der internationalen Kritik nie gekommen. "Ich würde die gleiche Entscheidung wieder treffen", so Blair. Mehr noch: "Wir sind ja heute mit den exakt gleichen Fragen konfrontiert, zum Beispiel im Iran."

Von den 80 Zuschauern, die im Losverfahren einen Platz bekommen hatten, war bei Blairs Ausführungen bisweilen ein hörbar lautes Seufzen zu vernehmen. Einige Angehörige gefallener Soldaten waren schon nach einer Stunde empört gegangen.

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