New York (dpa) - «Sehr produktiv» sei das Treffen gewesen, teilte der deutsche Chemieriese Bayer hinterher mit. Vorstandschef Werner Baumann war extra nach New York geflogen, um dem künftigen US-Präsidenten Donald Trump seine Aufwartung zu machen.

Gemeinsam mit Monsanto-Boss Hugh Grant weilte Baumann letzte Woche im Trump Tower, um mit Investitions- und Jobversprechen für eine Fusion der Konzerne zu werben, die noch von den Kartellbehörden genehmigt werden muss.

Baumann und Grant sind keine Ausnahmen: Seit Trumps Wahlsieg hält der «President-elect» wie ein Gutsherr in seinem Wolkenkratzer Hof und lässt Top-Manager wie beim Bewerbungsgespräch an- und abtreten. Hinterher werden dann spektakuläre «Deals» verkündet, bei denen der Immobilien-Tycoon regelmäßig milliardenschwere Investitionen und Arbeitsplätze für die US-Wirtschaft an Land gezogen haben will.

Trump hat sich selbst unter hohen Druck gesetzt: Das Jobwunder für die US-Wirtschaft, vor allem für den «Rostgürtel» - die krisengebeutelte Industrieregion im Nordosten des Landes - ist sein zentrales Versprechen. «Ich werde der größte Arbeitsplatzbeschaffer sein, den Gott je geschaffen hat», kündigte er letzte Woche an. Doch Experten zweifeln an seinen Plänen. Zumal es wenig Luft nach oben gibt: Die US-Arbeitslosenquote liegt mit 4,7 Prozent schon nahe ihres Rekordtiefs.

Dennoch nimmt Trump bereits vor Amtsantritt im Weißen Haus jede Menge Erfolgsmeldungen für sich in Anspruch. Das Problem: Ähnlich wie bei seinem früherem Job als Juror einer Casting-Show handelt es sich dabei um eine Art «Scripted Reality», bei der die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Inszenierung verschwimmen. Nach Baumanns Besuch etwa twitterte Trump: «Bayer AG verspricht US-Jobs und Investments nach Treffen mit Präsident Trump» - obwohl die Pläne Monate alt waren.

Die Strategie hinter Trumps angeblichen Job-Erfolgen folgt einem wiederkehrenden Schema: Konzerne hängen Altbekanntes an die große Glocke oder präzisieren bereits beschlossene Geschäftspläne, um den aggressiv mit Strafzöllen drohenden Mann im Tower milde zu stimmen. Hinterher können sich dann beide Seiten als Wohltäter und Stellenbeschaffer feiern. Aber sieht so ein nachhaltiges Erfolgsrezept für die weltgrößte Volkswirtschaft aus?

Was wirklich dank Trumps Initiativen an Investitionen fließt und an Arbeitsplätzen entsteht bleibt vage. Walmart etwa versprach 10 000 neue US-Jobs, hatte aber erst im Herbst angekündigt, 7000 zu streichen. General Motors sicherte zu, 1500 Stellen zu schaffen oder zu erhalten. Das passte Trump gut, doch erst im November hatte der größte US-Autobauer beschlossen, 2000 Mitarbeitern zu kündigen. Die Einzelfälle stehen exemplarisch für die US-Wirtschaft insgesamt, in der jeden Monat Hunderttausende Stellen entstehen und verschwinden. Ein paar Hundert Jobs hier und dort fallen kaum ins Gewicht.

Dazu kommt, dass die Zugeständnisse, die Trump den Konzernen abgerungen haben will, meist Mogelpackungen sind. So entpuppt sich eine zunächst als Ergebenheitsgeste an Trump gedeutete Milliarden-Investition von Fiat Chrysler größtenteils als alter Wein in neuen Schläuchen. Die Entscheidung zum Ausbau des Werks in Toledo, Ohio, war der lokalen Gewerkschaft zufolge bereits 2015 gefallen. Ein weiterer clever von Trump verkaufter «Deal» war Fords Absage an eine 1,6 Milliarden Dollar teure Fabrik in Mexiko, an Stelle derer nun 700 Millionen Dollar in ein Werk in Michigan gesteckt werden sollen.

Bei näherer Betrachtung zeigt sich auch hier: Die US-Investition, die 700 Stellen schaffen soll, ist Teil einer längst bekannten Offensive bei Zukunftstechnologien wie Roboterautos und Elektroantrieben. Die Entscheidung gegen das Werk in Mexiko ist der eingebrochenen Nachfrage nach dem Kleinwagen Focus geschuldet, der dort gebaut werden sollte. Die Fertigung des Modells wird auch so ins benachbarte Niedriglohnland ausgelagert, es ist nur keine neue Fabrik nötig.

Die entscheidendere Frage ist indes: Was hat Trump neben diesem ganzen Klein-Klein in petto, um das Wachstum zu befeuern und den kriselnden Branchen Jobs zu verschaffen? Der Plan, soweit bislang umrissen, sieht neben einem auf Pump finanzierten Konjunkturpaket und drastischen Steuersenkungen für Unternehmen und Haushalte eine massive Lockerung der Regeln im Finanzsektor und anderen Wirtschaftszweigen vor. Dazu setzt Trump mit seiner Devise «Amerika zuerst» auf einen Bruch mit der US-Tradition des freien Handels.

Mit der Drohung von Strafzöllen in Höhe von 35 Prozent mag Trump Unternehmen wie BMW oder Fiat Chrysler einen gehörigen Schrecken einjagen. Doch brisant ist das Säbelrasseln nach Einschätzung von Ökonomen vor allem auf volkswirtschaftlicher Ebene. Trumps Ansatz sei potenziell verheerend und könne zu einem ausgewachsenen Handelskrieg führen, warnen die Wirtschaftsforscher vom Peterson Institute of International Economics (PIIE). Millionen von US-Jobs - insbesondere geringer qualifizierte und niedriger bezahlte Stellen - wären durch Trumps Pläne gefährdet, so das Ergebnis der PIIE-Studie.

Während Trump auf Abschottung setzt und Freihandelsabkommen neu verhandeln oder beerdigen will, reibt man sich anderswo die Hände. Trump droht China, dem wichtigsten Handelspartner und größten Anleihegläubiger der USA, wegen angeblich unfairen Wettbewerbs. Doch Peking trommelt bereits aufstrebende Schwellenländer für eigene Handelspakte zusammen, so dass sich die USA mit einer Konfrontation ins eigene Fleisch schneiden könnten. «China und die anderen Nationen entwickeln ihre eigenen Initiativen, sie warten nicht auf Trump», meint Joshua Kurlantzik vom Council of Foreign Relations.

Fest steht: Das von Trump versprochene Comeback der «Old Economy» wäre ein Kunststück. Denn viele der verlorenen US-Jobs im Verarbeitenden Gewerbe sind nicht zu den gescholtenen Billiglöhnern im Ausland abgewandert, sondern durch unumkehrbare Trends wie Automatisierung und Digitalisierung obsolet geworden.

Für den renommierten Ökonomen Nouriel Roubini ist der Fall klar: «Trumps Wirtschaftspolitik macht keinen Sinn.» Im Interview des Senders CNBC sagte der wegen seiner frühen Warnung vor der letzten großen Finanzkrise «Doctor Doom» genannte Experte jüngst, er rechne in den nächsten anderthalb Jahren mit dem Verlust von rund 400 000 Arbeitsplätzen in der US-Industrie.

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