Der Islamwissenschaftler Marco Schöller sieht in Libyen eine zersplitterte Opposition am Werk, der es nur zum Teil um Demokratie geht.

Marco Schöller ist Professor für islamische Geschichte an der Uni Münster.
Marco Schöller ist Professor für islamische Geschichte an der Uni Münster.

Marco Schöller ist Professor für islamische Geschichte an der Uni Münster.

NN

Marco Schöller ist Professor für islamische Geschichte an der Uni Münster.

Herr Schöller, ist das Gaddafi-Regime am Ende?

Schöller: Ja, ich glaube, diesen Aufstand wird es nicht überleben. Es gibt innerhalb des Regimes schon zu viele Absetzbewegungen. Die Frage ist allerdings, wie lange der Kampf noch dauert und wie viele Menschenleben er noch kostet. Und: Was kommt danach?

Was ist denn Ihre Prognose?

Schöller: Da wage ich keine. Ich sehe bisher niemanden, der dieses Land führen könnte. Und es gibt auch kaum Voraussetzungen für eine Demokratie in Libyen.

Das heißt, es könnte in Libyen ganz anders kommen als in Tunesien und Ägypten?

Schöller: Ja. Es wird zurzeit immer über den Domino-Effekt in der arabischen Welt gesprochen. Diesen Effekt gibt es zwar tatsächlich, aber die gesellschaftliche Situation ist in Libyen ganz anders als beispielsweise in Ägypten. Libyen ist relativ dünn besiedelt, seit Jahrzehnten abgeschottet vom Rest der Welt und sehr vom Stammeswesen geprägt. Zudem gab es in der Gesellschaft bisher kaum politische Debatten. Forderungen nach Demokratie scheinen bei den Unruhen bisher auch nicht im Vordergrund zu stehen.

Was treibt dann die Proteste an? Wirtschaftliche Interessen?

Schöller: Nicht nur. Es ist eine Mischung aus verschiedenen Ursachen. Einige Gruppen wollen vor allem mehr vom Ölreichtum des Landes. Andere begleichen offene Rechnungen mit dem Regime. Wieder andere wollen demokratische Reformen. Was alle eint, ist der Hass auf Gaddafi.

Was passiert, wenn der gemeinsame Feind gestürzt ist?

Schöller: Das ist die Frage. Bisher war allein das Gaddafi-Regime in der Lage, die Einheit eines in Stammesgebiete zersplitterten Landes mit Gewalt sicherzustellen. Es besteht also tatsächlich die Möglichkeit einer Zersplitterung. Und natürlich könnten auch Islamisten von einer solchen Entwicklung profitieren. Die Gefahr, dass dort neue „Mini-Gottesstaaten“ entstehen, sehe ich aber nicht. Und wahrscheinlich wäre den meisten Menschen dort fast jede Zukunft recht, solange es eine Zukunft ohne Gaddafi ist.

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