SED-Funktionär Günter Schabowski weiß bereits am 29. Oktober, dass die Mauer fallen wird.

20 Jahre Mauerfall
Günter Schabowski wurde 1989 zum unfreiwilligen Helden.

Günter Schabowski wurde 1989 zum unfreiwilligen Helden.

Der Berliner Korrespondent der WZ, Werner Kolhoff, war 1989 Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD).

A0009 dpa, Bild 1 von 3

Günter Schabowski wurde 1989 zum unfreiwilligen Helden.

Berlin. „Wir machen ein Reisegesetz, das seinen Namen verdient. Es wird Reisefreiheit geben.“ Dieser Satz aus dem Mund eines hohen SED-Funktionärs verändert für uns die Welt. Schon Tage vor dem 9. November 1989.

Günter Schabowski ist nicht irgendwer. Er ist Bezirksekretär der SED in Ost-Berlin und der starke Mann hinter dem neuen Parteichef Egon Krenz, den die meisten als „Wendehals“ empfinden. Schabowski kämpft für die Rettung eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Am 29. Oktober kommt er vom Ost-Berliner Roten Rathaus, wo er sich einer „Sonntagsdemonstration“ gestellt hat. Er hat beteuert, dass die neue Führung es ernst meine mit den Reformen. Aber er ist ausgepfiffen worden.

Der Regierende Bürgermeister Walter Momper trifft Schabowski im Palast-Hotel, nahe am Berliner Alexanderplatz. Rosensalon heißt der Raum, es gibt Kaffee und Kuchen. Es ist ein informeller Termin, die Medien ahnen nichts. In der Ferne können wir die Demonstranten noch hören. Er wisse, sagt Schabowski, dass die Mauer die Leute auf Dauer nicht im Land halten könne. Wenn die Reisefreiheit komme, würden sicher 100000 bis 150000 DDR-Bürger im Westen bleiben, „aber das muss man in Kauf nehmen“. Wann, fragt Momper. „Vielleicht schon bis zum 1. Dezember“, antwortet Schabowski.

An diesem Sonntag hat sich der Regierende Bürgermeister von (West-)Berlin zum ersten Mal nicht mehr um die diplomatischen Gepflogenheiten gekümmert und ist einfach unangemeldet nach Ost-Berlin gefahren.

Vor dem Termin mit Schabowski treffen wir die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Ein Dutzend Vertreter der Opposition wartet in ihrer Altbauwohnung auf den Besucher aus dem Westen. Das Gespräch dreht sich um die Lage seit dem Rücktritt Erich Honeckers vor zwei Wochen, um die Demonstrationen und um die Zukunft. Ein Runder Tisch muss gebildet werden, das ist die Idee der Versammelten. Noch sehr vage. Egon Krenz traut keiner. Draußen filmt die Stasi, versteckt in einem Bauwagen.

Der Mauerfall am 9. November 1989 war ein historischer Glücksfall – und kam dennoch nicht völlig überraschend. Unser Berliner Korrespondent Werner Kolhoff war damals Sprecher des (West-)Berliner Senats und Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD). In dieser Serie schildert er in Form eines Tagebuchs, wie sich die Stadt auf die historische Umwälzung vorbereitete und sie erlebte. Bis zu jener Nacht, in der das deutsche Volk laut Momper „das glücklichste Volk der Welt“ war. Kolhoff mischt politische Wertungen mit persönlichen Erlebnissen.

 

Am Abend sind wir in der Ostberliner Gethsemanekirche beim Konzert anlässlich des Reformationsjubiläums. Das Gotteshaus ist zum zentralen Wallfahrtsort der Bürgerbewegung geworden, seit hier am 7. Oktober, beim 40. Jahrestag der DDR, die Demonstranten zusammengeprügelt wurden. Es ist jetzt brechend voll. Als Walter Momper eintrifft, gibt es Beifall. Auf dem Rückweg ins Rathaus Schöneberg diskutieren wir, was jetzt zu tun ist.

Reisefreiheit! Das bedeutet, Hunderttausende von Menschen werden bald nach West-Berlin kommen. Die Mauer wird keine Bedeutung mehr haben, wenn sie überhaupt bleibt. Wie viele Leute werden für immer ihr Land verlassen wollen? Wie transportieren wir die Menschenmassen? Wie geben wir ihnen Informationen und Hilfe? Wie werden die West-Berliner reagieren? Wir müssen das alles organisieren. Sofort.

 

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