Von Merkel und Seehofer enttäuschter Glos wählt Alleingang. Die Bundeskanzlerin steht unter Handlungsdruck. Erste Namen von Nachfolgekandidaten werden genannt.

Überhaupt nicht müde wirkte Michael Glos am Samstagabend beim Ball des Sport in Wiesbaden, den er mit Ehefrau Ilse besuchte.
Überhaupt nicht müde wirkte Michael Glos am Samstagabend beim Ball des Sport in Wiesbaden, den er mit Ehefrau Ilse besuchte.

Überhaupt nicht müde wirkte Michael Glos am Samstagabend beim Ball des Sport in Wiesbaden, den er mit Ehefrau Ilse besuchte.

Reuters

Überhaupt nicht müde wirkte Michael Glos am Samstagabend beim Ball des Sport in Wiesbaden, den er mit Ehefrau Ilse besuchte.

München. Michael Glos hat all seine politischen Wegbegleiter kalt erwischt, vor allem aber Bundeskanzlerin Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Der Mann, der seit 20 Jahren die CSU so stark prägte wie nur wenige, wollte im Alleingang aus der Politik aussteigen.

«Nicht mal sein engstes Umfeld wusste Bescheid», sagt einer aus der CSU-Spitze über das Rücktrittsangebot des Bundeswirtschaftsministers. Dass Seehofer dieses vorerst ausschlug, macht das Chaos nicht kleiner. Inmitten der Wirtschaftskrise will der Wirtschaftsminister hinschmeißen - die große Koalition hat ein Problem.

Seehofer selbst sagte erst vor wenigen Tagen, dass Politiker nie Fragen zu ihrem Karriereende beantworten dürfen. «Wer auf so eine Frage antwortet, ist eine Lame Duck», sagte er und benutzte dabei das Bild der lahmen Ente, das in den USA einen Politiker beschreibt, dessen Amtsende feststeht.

Glos hat sich nun aber an den Schreibtisch gesetzt und einen Brief geschrieben, wonach er aus dem Kabinett ausscheiden will. Sollte Seehofer bei seinem Nein bleiben und Glos sich fügen, steht also eine lahme Ente an der Spitze des Ressorts - in einer Zeit, in der die Welt die schwerste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten droht.

Glos nennt als Grund für seinen Rücktrittswunsch, dass er im Dezember 65 Jahre alt wird und deshalb nach dem 28. September keinem Kabinett mehr angehören will. Dies wäre als Begründung durchaus ehrenhaft. Aber hätte Glos nicht das Gespräch mit Seehofer suchen müssen, statt der «Bild am Sonntag» seinen Brief zu geben?

Dann hätte sein Parteichef die Gelegenheit gehabt, souverän einen Nachfolger zu präsentieren - so sah Seehofer am Samstagnachmittag beim Verlassen der Münchner Sicherheitskonferenz wie der Gelackmeierte aus.

Tatsächlich hegt Glos schon seit längerem Groll gegen Seehofer. Dieser hatte ihn im Dezember vor versammelter Mannschaft wegen seines zu passiven Auftretens in der Wirtschaftskrise angegriffen. Außerdem stellte Seehofer bereits dem CSU-Schatzmeister und Bau-Unternehmer Thomas Bauer das Ministerium von Glos für die Zeit nach der Bundestagswahl in Aussicht. Im CSU-Vorstand vermuten mehrere in dieser Demontage den Hauptgrund für das Rücktrittsangebot.

Aber auch von Merkel ist der Unterfranke tief enttäuscht. Der von den Grünen als «Null-Bock-Minister» kritisierte Glos fühle sich von der Kanzlerin allein gelassen, sagt einer aus der CSU-Landesgruppe. Dies sei bei den Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise so gewesen, wo sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) profilieren konnte und Glos wie abgetaucht erschien.

Bei seinen Vorstößen etwa zu Steuersenkungen habe sich Glos ebenfalls über mangelnde Unterstützung der Kanzlerin beklagt. «Er wollte jetzt selbst einen Schlussstrich ziehen, um wenigstens dies noch souverän machen zu können», beschreibt einer aus Glos' Umfeld das Vorgehen.

Während Glos am Samstagabend trotz des Rücktritts-Theaters entspannt auf dem Ball des Sports tanzte, begann für Merkel ein heißer Tanz mit der Opposition. FDP-Chef Guido Westerwelle warnte, in Zeiten, wo Millionen Menschen um ihren Arbeitsplatz zittern, müsse in der Wirtschaftspolitik die Handlungsfähigkeit hergestellt sein. «Ich glaube nicht, dass Merkel und Seehofer das lange aushalten können», sagt ein Berliner CSU-Präsidiumsmitglied.

Am Sonntag bot sich eine Lösung an: CSU-Schatzmeister und Unternehmer Thomas Bauer sagte kurz nach einem Telefonat mit Seehofer, er könne sich einen Wechsel in die Bundespolitik bereits jetzt vorstellen. Für Merkel, die zu dem CSU-Chaos zunächst schwieg, könnte dies aber eine Wahl zwischen Pest und Cholera werden: Entweder der unwillige Glos bleibt - oder sie muss dem in Berlin vollkommen unerfahrenen Bauer im Wahljahr ein wichtiges Ressort anvertrauen.

Womöglich gibt es auch einen Kompromiss: Auch Landesgruppenchef Peter Ramsauer und Wirtschafts-Staatssekretärin Dagmar Wöhrl werden als Glos-Ersatz genannt. 

Der haushaltspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Carsten Schneider, hat sich unterdessen dafür ausgesprochen, dass Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) das Finanz- und Wirtschaftsministerium umgehend in Personalunion übernehmen sollte.

"Bevor wir das Konjunkturpaket nächste Woche mit einem Wirtschaftsminister verabschieden, der keine Lust mehr hat oder mit einem Nachfolger, der sich permanent profilieren muss, sollte das Peer Steinbrück lieber vollends alleine machen. Der Regierungsfähigkeit der großen Koalition käme es nur zugute, wenn das Wirtschafts- und Finanzministerium in einer Hand wären", sagte Schneider der "Leipziger Volkszeitung"

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer