Navid Kermani und seine Kritik am Kruzifix – die CDU-Politiker Roland Koch und Armin Laschet reagieren ganz unterschiedlich.

Düsseldorf. Der Weg vom Preisträger zum Ärgernis ist gelegentlich nur kurz. Und manchmal scheint der Unterschied auch allein eine Frage der Geografie: Hatte Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) erst vor kurzem dem angesehenen Kölner Islamwissenschaftler Navid Kermani den schon verliehenen Hessischen Kulturpreis 2009 nach einer Intervention des Mainzer Kardinals Karl Lehmann wieder aberkannt, traf sich am Mittwochabend im Düsseldorfer NRW-Forum Armin Laschet, Landes-Integrationsminister und Parteifreund Kochs, ausgerechnet mit diesem angeblichen Christenverleumder Navid Kermani, um einen durchaus anregenden Dialog über Integration, Menschenrechte, Gott und die Welt zu führen.

Nur ein Thema blieb tabu: Beide hatten sich geeinigt, über die Querelen um den Hessischen Kulturpreis kein Wort zu verlieren.

Dabei hätte sich das durchaus gelohnt. Denn dieses Stück ist tatsächlich eine "Staatsposse", so Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), zudem "bizarr und unwürdig", so die "Zeit".

Ursprünglich sollten, so die Entscheidung des Vergabe-Gremiums unter Hessens Ministerpräsidenten Koch, Kardinal Karl Lehmann, der ehemalige Kirchenpräsident von Hessen Nassau, Peter Steinacker, Salomon Korn vom Zentralrat der Juden und der renommierte Orientalist Fuat Sezgin diesen Kulturpreis erhalten für "besondere Verdienste um die interreligiöse Toleranz".

Sezgin lehnte die Annahme ab: Er wolle nicht einen "Toleranz"-Preis gemeinsam mit Salomon Korn entgegennehmen, der sich völlig kritiklos hinter Israels Angriff auf Gaza gestellt habe. Sezgin verzichtete klaglos und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit auf die 11250Euro Preisgeld.

Kardinal Lehmann wollte nicht mit Kermani geehrt werden

Navid Kermani besuchte als Stipendiat der Villa Massimo die Basilika San Lorenzo in Rom und beschrieb darauf im Feuilleton der "Neuen Zürcher Zeitung" seine Gedanken zum dort hängenden Kreuzigungsbild Guido Renis. Hier die zentralen und strittigen Passagen in Auszügen:

Einerseits: "Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt. Nicht, dass ich Menschen, die zum Kreuz beten, weniger respektiere als andere betende Menschen. Es ist kein Vorwurf. Es ist eine Absage. Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt, lehne ich das Kreuz rundherum ab. Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung ... Ich kann im Herzen verstehen, warum Judentum und Islam die Kreuzigung ablehnen. Sie tun es ja höflich, viel zu höflich, wie mir manchmal scheint. Für mich formuliere ich die Ablehnung der Kreuzestheologie drastischer: Gotteslästerung und Idolatrie."

Andererseits: "Und nun saß ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich - nicht nur: man - , ich könnte an ein Kreuz glauben. Reni verklärt nicht den Schmerz. Sein Jesus hat keine Wunden, keine Abzeichen der Striemen und Hiebe, ist schlank, aber nicht abgemagert. Jesus leidet nicht, wie es die christliche Ideologie will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein, warum hast du uns verlassen?"

Koch fand schnell Ersatz: Am 20.März trug er den offenen Platz dem in Siegen geborenenen Islamwissenschaftler Kermani an. Das Quartett war wieder komplett und auch politisch völlig korrekt: Ein Katholik, ein Protestant, ein Jude und ein Moslem.

Doch schon am 13. Mai wurde Kermani der Preis wieder aberkannt, nachdem Lehmann in einem Schreiben an Koch erklärt hatte, er könne den Preis nicht zusammen mit Kermani annehmen, weil dieser sich in einem Feuilleton-Artikel über ein Kreuzigungsgemälde Guido Renis scharf gegen die Kreuzestheologie ausgesprochen hatte.

Lehmann sprach von einem unversöhnlichen Angriff auf das Herz des Christentums und erklärte, dass er sich dies "gerade als Bischof und Theologe" nicht gefallen lassen müsse.

Im Artikel hatte Kermani aus seiner Ablehnung der Kreuzestheologie (siehe Info-Kasten) keinen Hehl gemacht, zugleich aber seine Sympathie für Renis Jesus-Darstellung erklärt.

Dass ein Moslem das Kreuz und Jesus als Gottesbild ablehnt, ist wohl kaum der Aufregung wert, denn anderenfalls wäre er kein Moslem. Bei Kermani geht dies einher mit einer radikalen Absage an die Gewalt, die er allen Religionen immanent sieht. In der Kreuzigung erkennt er eine Parallele zum Blutopfer und dem Märtyrerkult im Islam, den er auch hier als Aberglauben ablehnt.

Man mag einwenden, für Menschen, denen jedweder religiöse Fanatismus fremd ist, sei die Angelegenheit schlicht eine Groteske. Dass hier vier Herren ausgezeichnet werden für ihren angeblich durch Toleranz geprägten "interreligiösen Dialog" - und einige von ihnen nicht einmal den Anstand aufbringen, miteinander zu reden und sich stattdessen hinterrücks beim Preisverleiher über den anderen beschweren, ist schon bizarr.

Und offenbar ist es mit der Trennung von Staat und Kirche, die wir den Moslems doch immer gern vorhalten, auch bei uns nicht so weit her, wenn sich ein Ministerpräsident so einfach zum Befehlsempfänger eines Bischofs machen lässt.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer