Mit allen Mitteln will CSU-Chef Horst Seehofer die verlorene bundespolitische Bedeutung seiner Partei zurückerobern.

Horst Seehofer baut die CSU radikal um.
Horst Seehofer baut die CSU radikal um.

Horst Seehofer baut die CSU radikal um.

dpa

Horst Seehofer baut die CSU radikal um.

München. Unberechenbare Politiker werden in der Branche als unvertäute Kanonen bezeichnet. Bei schwerer See kann ein wild über das Schiffsdeck schleuderndes Geschütz schlimme Verletzungen unter der Besatzung anrichten.

Auf Horst Seehofer trifft das Bild nicht zu, auch wenn es gern verwendet wird. Der CSU-Chef gehört einer intelligenteren Waffengattung an. Er nimmt seine Opfer erstens überlegt ins Visier und erzeugt zweitens den erforderlichen Sturm selbst. Die Frage ist nur, ob er auch ruhiges Wetter herstellen kann.

Nach dem als Racheakt inszenierten Rücktritt von Wirtschaftsminister Michael Glos sah sich der Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber nicht nur genötigt, die CSU zur Geschlossenheit aufzurufen, er sah sich sogar genötigt, die Autorität von Franz Josef Strauß zu bemühen: "Strauß hat uns gelehrt, dass Entscheidungen nicht jedem einzelnen Funktionsträger, sondern zuallererst der Bevölkerung gefallen müssen."

Die CSU befindet sich in Aufruhr, für den die kurz auflodernde Kritik an der Berufung von Karl-Theodor zu Guttenberg (37) zum Wirtschaftsminister sowie von Alexander Dobrindt (38) und Dorothee Bär (30) zu Generalsekretären symptomatisch war.

Die Liste der Versehrten bei der CSU ist lang, weil der Chef die Partei rabiat umbaut und Jüngere an die Spitze holt. Dass sein von Einsamkeit geprägter Führungsstil arg umstritten ist, das erwähnt Seehofer häufig selbst, um zu versichern, er habe mal dermaßen demokratisch mit so vielen Leuten gesprochen, wie es demokratischer gar nicht gehe.

Mühelos gelingt es Seehofer zu erzählen, dass er auf das gute Verhältnis von Glos zu Angela Merkel regelrecht neidisch gewesen sei - kurz nachdem Glos sich darüber ausgeweint hatte, dass die Kanzlerin ihn für begriffsstutzig gehalten habe. Mit treuen Augen sagt Seehofer solche Dinge, aber er könnte auch ausgedrückt haben, dass er sich noch viel schlechter mit Merkel verstehe als Glos.

"Ich weiß, das ist jetzt wieder schlechter Führungsstil."

Horst Seehofer über sich

Wann immer Seehofer die Kanzlerin öffentlich lobt, was er nicht selten tut, müsste man einen Blick auf ihr Schienbein werfen dürfen, um nachzusehen, was das Schuhwerk des 59-Jährigen dort hinterlassen hat.

Pendlerpauschale, Steuersenkungen, Umweltgesetzbuch, Koalitionsaussage zugunsten der FDP: Seehofer nutzt jede Gelegenheit, um die Kanzlerin zu bedrängen. Die verlorene bundespolitische Bedeutung der CSU will er bis zur Europawahl im Juni notfalls auf Merkels Kosten zurückerobern. Er muss das schaffen, damit seine Partei bei der Bundestagswahl ein ordentliches Ergebnis erlangt. Das ist Seehofers Ziel, ansonsten hat er nicht viel zu verlieren. Zunehmend kokettiert er damit, dass er alles erreicht habe, was zu erträumen war: Minister, Parteivorsitzender und Ministerpräsident.

Bei allem Sturm, den er produziert, legt Seehofer eine Gelassenheit an den Tag, die an Ausgelassenheit grenzt. Er stellt während einer Pressekonferenz seinen neuen Wirtschaftsminister Guttenberg vor und gleichzeitig fröhlich in Frage, dass der das auch nach der Bundestagwahl bleibe. "Ich weiß, das ist jetzt wieder schlechter Führungsstil", grinst er dann.

Freunde hat er nicht zu verlieren, und dem Verjüngungsprogramm für die CSU wohnt sicher das Motiv inne, wenigstens Verbündete zu gewinnen. Öffentlich prahlt er damit, die "frischeste und modernste Partei Deutschlands" aufzustellen, aber so viel Selbstlosigkeit traut ihm kaum jemand zu. Eher, dass er auf die Abhängigkeit derer setzt, die ohne ihn keine Chance bekommen hätten.

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