Der neue Präsident inszeniert seinen Amtsantritt bewusst als Nachfolge des Sklavenbefreiers und Bürgerkriegshelden.

Abraham Lincolns Bibel, auf der Obama seinen Eid leisten wird.
Abraham Lincolns Bibel, auf der Obama seinen Eid leisten wird.

Abraham Lincolns Bibel, auf der Obama seinen Eid leisten wird.

Leibwächter vor dem Lincoln Memorial in Washington während des Besuchs von Obama am Sonntag. Hier hielt auch Martin Luther King seine berühmte Rede.

Reuters/dpa, Bild 1 von 2

Abraham Lincolns Bibel, auf der Obama seinen Eid leisten wird.

Düsseldorf. Natürlich ist Barack Obama derzeit, wenige Tage vor seiner Vereidigung, die beherrschende Figur in Washington. Aber an Abraham Lincoln, den 16.Präsidenten Amerikas, kommt in diesen Tagen ebenfalls niemand vorbei. Wenn am kommenden Dienstag Obama seinen Amtseid als 44.Präsident der USA vor dem Kapitol ablegt, dann wird der erste farbige Führer Amerikas seine Hand auf die 150 Jahre alte Bibel legen, auf der einst im Jahr 1861 Abraham Lincoln seinen Eid leistete. Schon zuvor demonstriert Obama in einer sorgfältig inszenierten Abfolge von symbolhaften Auftritten und Gesten, dass er sich ganz in der Nachfolge dieses großen Präsidenten sieht, der als Führer der Nordstaaten, Retter der Union und Sklavenbefreier in die Geschichte eingegangen ist.

Am vergangenen Sonntag besuchte Obama demonstrativ das Lincoln Memorial in Washington, von dessen Stufen 1963 Martin Luther King seine berühmte Rede "I have a dream" hielt. Am kommenden Sonntag, drei Tage vor der Vereidigung, wird Obama mit seiner Familie einen eigens gecharterten Zug in Philadelphia besteigen, um die letzte Etappe zurückzulegen. Lincoln hielt es 1861 genauso: Er fuhr von Springfield in Illinois nach Washington und hielt dabei sensationelle 101 Reden. Obama kommt da nicht ganz mit, er wird wohl nur einmal, in Baltimore, reden. Wenn Obama in Washington ankommt, wird das Smithonian Museum an Originalschauplätzen den Einführungsball Lincolns nachstellen. Und in den Restaurants sind schon längst die Lieblingsspeisen Lincolns - Austern und Mandelkuchen - der Renner.

Lincolns Ziel war die Rettung der Union, nicht die Sklaven-Befreiung

Zwar gilt Abraham Lincoln als der beliebteste Präsident der USA, noch vor George Washington, aber noch kein Präsident hat sich derart selbstbewusst in die Nachfolge Lincolns gestellt wie Barack Obama. Und die Bezüge liegen ja auch auf der Hand: ohne die Sklavenbefreiung auch kein schwarzer Präsident.

Es gibt nicht den geringsten Zweifel, dass Lincoln, der am 12.Februar 1809 in ärmlichsten Verhältnissen in Kentucky geboren wurde, die Sklaverei persönlich verabscheute. "Immer wenn ich höre, dass jemand für die Sklaverei eintritt, fühle ich das starke Bedürfnis, sie an ihm selbst auszuprobieren", ist einer der meistzitierten Sätze Lincolns.

"Immer wenn ich höre, dass jemand für die Sklaverei eintritt, fühle ich das starke Bedürfnis, sie an ihm selbst auszuprobieren."

Doch eine Herzensangelegenheit war ihm die Aufhebung der Sklaverei nicht. Lincoln hatte dazu ein eher taktisches Verhältnis. 1862, mitten im Bürgerkrieg mit den abgefallenen Südstaaten, schrieb Lincoln an die "New York Times": "Mein oberstes Ziel in diesem Krieg ist es, die Union zu retten; es ist nicht, die Sklaverei zu retten oder zu zerstören. Könnte ich die Union retten, ohne auch nur einen Sklaven zu befreien, so würde ich es tun; könnte ich sie retten, indem ich alle Sklaven befreite, so würde ich es tun; (...) Alles, was ich in Bezug auf die Sklaverei und die Schwarzen tue, geschieht, weil ich glaube, dass es hilft, die Union zu retten."

Der ungünstige Kriegsverlauf zwang Lincoln am 1. Januar 1863 zu der berühmten Proklamation, nach der alle Menschen, "die in Sklaverei gehalten werden, fortan und für immer frei sein sollen". Die endgültige Abschaffung der Sklaverei proklamierte dann nach dem Sieg Lincolns im Bürgerkrieg 1865 der 13.Zusatz zur US-Verfassung. Lincoln war da schon an den Folgen des Attentats eines fanatischen Sklaverei-Anhängers gestorben. Allerdings sollte es noch mehr als 100 Jahre dauern, bis dieser Verfassungszusatz 1966 auch in Mississippi als letztem US-Staat ratifiziert wurde.

So kommt es, dass Abraham Lincoln trotz der 620000 Toten des Bürgerkriegs - dabei starben mehr Amerikaner als in allen folgenden Kriegen der USA zusammen - der beliebteste Präsident ist: Den einen gilt er zuerst und vor allem als Retter der Union und damit Begründer der Weltmacht, den anderen zuerst und vor allem als Befreier der Sklaven.

Und so schließt sich am kommenden Dienstag ein Kreis: Fast auf den Tag genau 200 Jahre nach der Geburt Lincolns leistet der erste farbige US-Präsident seinen Eid auf die Bibel, auf die auch Lincoln 1861 seine Hand legte, um danach den Gang der Weltgeschichte zu ändern.

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