Durch den Flüchtlingsskandal geriet das Heim in Verruf. Inzwischen gibt es dort eine neue Leitung. Eine erste Bilanz.

Nachgefragt
Die ehemalige Siegerland-Kaserne gab in den letzten Wochen kein gutes Bild ab. Das Gebäude beherbergt aktuell 600 Asylbewerber aus aller Welt.

Die ehemalige Siegerland-Kaserne gab in den letzten Wochen kein gutes Bild ab. Das Gebäude beherbergt aktuell 600 Asylbewerber aus aller Welt.

dpa

Die ehemalige Siegerland-Kaserne gab in den letzten Wochen kein gutes Bild ab. Das Gebäude beherbergt aktuell 600 Asylbewerber aus aller Welt.

Düsseldorf. Es war ein Montagmittag, als der Anruf der Bezirksregierung Arnsberg beim Deutschen Roten Kreuz einging. Es wurde ein neuer Betreiber für das Flüchtlingsheim in Burbach gesucht. Jene Einrichtung, in der Sicherheitsleute in mindestens zwei Fällen Bewohner gequält haben sollen und von der aus der NRW-Flüchtlingsskandal seinen Lauf nahm.

Der DRK-Landesverband Ostwestfalen-Lippe sollte den Betrieb vom privaten Betreiber European Homecare übernehmen. Der Innenminister stand massiv unter Druck, es musste schnell gehen. Der Anruf kam um 12.30 Uhr. „Um 14 Uhr am nächsten Tag haben wir den Betrieb aufgenommen“, sagt Ludger Jutkeit. Der gebürtige Cottbusser ist Vorstand des angesprochenen DRK-Landesverbands. Er sagt: „So eine Aktion geht nur mit Ehrenamtlern, die auch Krisenintervention machen können.“

In Burbach werden noch dringend Betreuer gesucht

Seitdem sind dreieinhalb Wochen vergangen. In Burbach wurden Wartezeiten bei der Essensausgabe verkürzt, fehlende Tür- und Fenstergriffe nachgerüstet und einige der 600 Bewohner für Hausdienste eingeteilt. Doch die größte Hürde ist noch zu nehmen: „Es ist unglaublich schwierig, Betreuungspersonal zu finden“, sagt Jutkeit. Gesucht werden Sozialpädagogen, die mehrere Sprachen sprechen, darunter am besten kroatisch, russisch, arabisch und französisch.

Auch die Heimleitung wird derzeit noch von erfahrenen Ehrenamtlern gestemmt. Das Schwierigste: „Wir können den Leuten nur befristete Verträge bieten“, so Jutkeit. Der Vertrag zwischen dem Land und dem DRK für das Burbacher Heim läuft gerade einmal bis Januar. Bei Notunterkünften sei dies durchaus üblich, häufig handele es sich um Drei- bis Sechsmonatsverträge.

Als DRK-Vorstand sagt Jutkeit dazu: „Man muss die Ruhe bewahren.“ Doch Jutkeit ist auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in NRW. Als solcher übt er Systemkritik: „Wir müssen nachhaltigere Strukturen schaffen. Der Druck ist groß, aber das entbindet nicht davon, die Leute angemessen unterzubringen.“ Jutkeit sieht zwei Hauptprobleme, die auch durch den Flüchtlingsgipfel von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft nicht gelöst wurden.

Die Leute werden aus Jutkeits Sicht zu viel hin und her gefahren und bleiben nicht lang genug in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes. Mindestens sechs Wochen, noch besser drei Monate sollten die Asylbewerber in den Landesunterkünften bleiben, bevor sie auf die Kommunen weiterverteilt werden.

Flüchtlinge werden zwischen Heimen hin- und hergeschickt

„Die Menschen kommen zum Teil aus Kriegsgebieten. Die müssen erst einmal zur Ruhe kommen, bevor sie überhaupt verstehen können, wie unsere deutsche Gesellschaft funktioniert und was ein Asylverfahren bedeutet“, sagt Jutkeit und berichtet von afghanischen Müttern, die noch nie etwas von Kindergartenplätzen gehört haben, von einer schwer traumatisierten Frau, die ihr Zimmer nur verlässt, um Essen zu holen. Und von jungen Männern mit Sinnesbehinderungen wie Taubheit, die bei der oft hektischen Erstaufnahme zunächst nicht erkannt werden.

Stattdessen würden Flüchtlinge innerhalb ihrer ersten Woche in Deutschland häufig zwischen drei verschiedenen Einrichtungen hin- und hergeschickt. „Ein unglaublicher Busverkehr“, so Jutkeit. So müsse jeder Asylbewerber zu einer der vier Außenstellen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge gefahren werden, um seinen Asylantrag zu stellen.

Daneben sind weitere Behördengänge bei Stellen nötig, die beim Land und Kommunen angesiedelt sind. „Es wäre viel damit geholfen, wenn die Behörden zu den Menschen kämen“, sagt Jutkeit. Seine Idee: Statt der Insellösung vieler einzelner Heime sollten Verbünde mit jeweils einem gemeinsamen medizinischen Zentrum und behördlichen Außenstellen gebildet werden. „Dann kann man auch besser auf veränderten Bedarf reagieren“, so Jutkeit. Seine Hoffnung: „Ich wünsche mir eine Willkommenskultur, die diesem reichen Land angemessen ist.“

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