Erinnerungsstätten an Unfallopfer sind nicht nur Mahnmale, sondern auch eine immer häufigere Form der Trauerbewältigung.

Manch einer reduziert das Tempo, wenn ihm durch das Kreuz am Straßenrand darauf bewusst wird, was an eben jener Stelle passiert ist.
Manch einer reduziert das Tempo, wenn ihm durch das Kreuz am Straßenrand darauf bewusst wird, was an eben jener Stelle passiert ist.

Manch einer reduziert das Tempo, wenn ihm durch das Kreuz am Straßenrand darauf bewusst wird, was an eben jener Stelle passiert ist.

Uli Preuss

Manch einer reduziert das Tempo, wenn ihm durch das Kreuz am Straßenrand darauf bewusst wird, was an eben jener Stelle passiert ist.

Münster. Jeder Autofahrer hat sie schon gesehen, mittlerweile sind sie vielerorts schon fast zur traurigen "Alltagsstraßenrand-Erscheinung" geworden: Unfallkreuze, die an das Schicksal von Menschen erinnern, die hier zu Tode kamen. Die Volkskundlerin Christine Aka hat in den letzten Jahren etwa 250 solcher Gedenkstätten dokumentiert und diese noch relativ junge Form der Trauerarbeit bei Hinterbliebenen oder Freunden erforscht. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe stellte jetzt ihr Buch "Unfallkreuze - Trauerorte am Straßenrand" vor.

Jedes Jahr sterben in Deutschland 6000 Menschen im Straßenverkehr, viele von ihnen sind noch jung. Dieser Tod vor der Zeit schockiert Freunde und Angehörige, die oft versuchen, an der Unfallstelle die Realität zu begreifen. "Der Unfallort zeigt, dass das Unfassbare tatsächlich geschehen ist. In den Tagen danach werden solche Orte des Todes dann zu Orten der Trauer", erzählt Aka. Blumen, Spielzeug, Erinnerungsobjekte und Briefe, dazu oft ein einfaches Holzkreuz, markieren meist die Stelle.

Für die Volkskundlerin besteht nach vielen Gesprächen mit Hinterbliebenen kein Zweifel daran, dass sich in den Unfall-Kreuzen ein neuer Trauerritus andeutet. Mag auch bei vielen der Kirchenglaube abgelegt sein, es bleibt das Bedürfnis, den plötzlichen Tod eines Nahestehenden mit Handlungen zu verarbeiten, betont die Forscherin.

Die Unfallorte erzählen von den Toten, von ihren Freunden und Hobbys und davon, wie die Zurückgebliebenen mit ihrer Trauer umgehen. Viele Angehörige verstehen die von ihnen aufgestellten Unfallkreuze als Mahnmale für andere Verkehrsteilnehmer, aber auch als Zeichen für sich selber, "um ihrer Trauer einen Ort zu geben", so Aka.

Mancher Unfallort wird zur individuellen Pilgerstätte

Nicht nur die Kreuze, sondern vielfältige Collagen von Liebes- und Freundschaftsbeweisen, Kerzen und Geschenken machen die Unfallorte am Straßenrand zu kleinen individuellen Pilgerstätten. Da ist das Bild, gemalt vom kleinen Kind für den verunglückten jungen Vater, ein Einmachglas mit persönlichen Dingen, ein Gedicht oder Brief, in Plastikfolie geschützt vor Regen, und auch Spielzeug. Jetzt zu Ostern hängen auch schon mal bunte Eier an den Kreuzen.

"So treten Freunde und Angehörige mit den Toten in Kontakt, auch wenn die nicht mehr antworten", sagt die Volkskundlerin. Sie weiß auch von Freundes-Treffen an Unfallkreuzen, wo Lieblingslieder gesungen werden, ein Gedicht aufgesagt oder auch ein Bier getrunken wird. Manche Hinterbliebenen erzählen, dass sie jedes Mal, wenn sie am Unfallkreuz eines Freundes oder Verwandten vorbeifahren, die Hupe betätigen. Andere berichten, dass sie am Kreuz als Ausdruck ihrer Trauer auch Jahre später noch laut weinen. Aka: "Die Straße ist völlig anonym, ganz anders als der Friedhof. Am Unfallkreuz können viele Menschen ihren Gefühlen freien Lauf lassen, ohne dass es jemanden stört."

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