Birgit Naujoks vom Flüchtlingsrat NRW klagt, dass sich nach dem Skandal wenig verbessert hat.

Ein Flüchtling sitzt in einer Essener Flüchtlingsunterkunft vor dem einzigen Tisch in seinem Mehrbettzimmer.
Ein Flüchtling sitzt in einer Essener Flüchtlingsunterkunft vor dem einzigen Tisch in seinem Mehrbettzimmer.

Ein Flüchtling sitzt in einer Essener Flüchtlingsunterkunft vor dem einzigen Tisch in seinem Mehrbettzimmer.

dpa

Ein Flüchtling sitzt in einer Essener Flüchtlingsunterkunft vor dem einzigen Tisch in seinem Mehrbettzimmer.

Bochum. Knapp 40 000 neue Asylbewerber kamen 2014 nach Nordrhein-Westfalen. Birgit Naujoks, Geschäftsführerin des Flüchtlingsrates NRW, kritisiert, dass viele von ihnen noch immer unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Trotz Bemühungen der Politik sei es nicht gelungen, die Situation merklich zu verändern.

Frau Naujoks, war 2014 ein gutes oder schlechtes Jahr für Flüchtlinge in NRW?

Birgit Naujoks: Sowohl als auch, würde ich sagen. Wir haben natürlich immer noch riesige Probleme, vor allen Dingen mit der Unterbringung der Menschen. Die Zustände sind in vielen Flüchtlingsheimen katastrophal. Aber es hat sich doch etwas getan in NRW. Nicht zuletzt durch das Bekanntwerden der Misshandlungsfälle in Burbach.

Was hat sich verändert?

Naujoks: Die Politik schenkt den Flüchtlingen und Organisationen wie uns mehr Gehör. Und beim NRW-Flüchtlingsgipfel im Oktober wurde viel beschlossen. Allerdings ist das meiste für die Flüchtlinge noch immer nicht wirklich spürbar, sondern bedarf noch der Umsetzung.

Das Land NRW hat mittlerweile rund 7500 Plätze für Flüchtlinge, darunter 1200 in Notunterkünften. Hinzu kommen die kommunalen Unterkünfte.

 

Anfang September war laut Bezirksregierung nur etwa jeder siebte Platz belegt. Die freien Kapazitäten sind jedoch gerade jetzt gefragt. Denn während des Jahreswechsels werden den Kommunen keine Flüchtlinge aus den Landeseinrichtungen zugewiesen. Insgesamt haben Städte und Gemeinden von Januar bis November 35 000 Flüchtlinge aufgenommen.

Wie ergeht es den Flüchtlingen also dieser Tage?

Naujoks: Grundsätzlich ist eine der größten Belastungen für die Menschen immer noch die Unterbringung. Die Flüchtlingsheime sind mancherorts einfach überbelegt.

Wie kann man sich das vor Ort vorstellen?

Naujoks: Da leben in Zimmern, in denen bisher drei Menschen schliefen, jetzt neun. Einfach weil man Dreistockbetten reingestellt und alle anderen Möbel wie Tische und Stühle rausgeschmissen hat.

Viele Kommunen sind deshalb auf der Suche nach neuen Immobilien.

Naujoks: Ja, das stimmt. Aber die, die sie da auftun, sind teilweise völlig ungeeignet. Zeltstädte, Turnhallen, Baumärkte – das hat doch nichts mit menschenwürdiger Unterbringung zu tun. Für mich ist es unbegreiflich, dass es auf kommunaler Ebene noch keine Mindeststandards gibt und wohl auch in nächster Zeit nicht geben wird.

In vielen Städten gehen Bürger unter dem Motto „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) auf die Straße. Bekommen die Flüchtlinge diese fremdenfeindliche Stimmung mit?

Naujoks: Zum Teil schon. Das ist eine ganz gefährliche Entwicklung, die sich da in Gang gesetzt hat. Und für viele Flüchtlinge natürlich beängstigend. Besonders bedrohlich waren für die Flüchtlinge in NRW in diesem Jahr aber die Demos von Pro NRW, die direkt vor Heimen stattgefunden haben. Das waren verstörende Szenen für die Flüchtlinge.

Setzt sich die Politik aus Ihrer Sicht genug für die Flüchtlinge ein?

Naujoks: NRW gehört da definitiv nicht zu den Vorreitern in Deutschland. Niedersachsen und Schleswig-Holstein tun deutlich mehr für Flüchtlinge. Nur als Beispiel: In NRW stößt man derzeit beim Thema Wintererlass auf taube Ohren. Schleswig-Holstein hingegen hat einen solchen Erlass verabschiedet und schiebt für die Dauer des Winters in rund 15 Staaten nicht mehr ab.

Was wünschen Sie sich fürs neue Jahr?

Naujoks: Die Flüchtlingszahlen werden 2015 weiter hoch bleiben. Deshalb muss in NRW unbedingt ein nachhaltiges Konzept für die Unterbringung her. Außerdem wünsche ich mir ein generelles Umdenken: Wer immer noch mit Worten wie „Flüchtlingswelle“ hantiert, der hat es nicht verstanden: Flüchtlinge sind doch keine Naturkatastrophe, sondern Menschen, die in großer Not unsere Hilfe brauchen.

Leserkommentare (1)


() Registrierte Nutzer