Die Stadt Oer-Erkenschwick will Eltern in Problemfamilien für Erziehungsleistungen belohnen.

Den Wecker ernst nehmen und die Kinder zur Schule bringen – das bringt Punkte.
Den Wecker ernst nehmen und die Kinder zur Schule bringen – das bringt Punkte.

Den Wecker ernst nehmen und die Kinder zur Schule bringen – das bringt Punkte.

dpa

Den Wecker ernst nehmen und die Kinder zur Schule bringen – das bringt Punkte.

Düsseldorf. Schulschwänzern droht ein Bußgeldverfahren. Sagt das Schulgesetz. Die Stadt Oer-Erkenschwick versucht es nun genau anders herum: Eltern, die pünktlich ihre Kinder wecken und zur Schule schicken, winkt eine Belohnung.

Das Jugendamt der Ruhrgebietsstadt hat sich ein Bonussystem ausgedacht. Auf einer Karte können sich die Eltern positives Verhalten per Stempel bescheinigen lassen. Beispiel: Vier Wochen pünktlich das Kind in die Schule gebracht - Stempel. Erziehungskursus in der Volkshochschule besucht - Stempel. Beim Kinderarzt gewesen - Stempel. Sind genügend Stempel gesammelt, soll sich das auszahlen. Mit einer Belohnung im Wert von 100 Euro.

Eltern auf den rechten Weg bringen, statt die Kinder ins Heim zu schicken

Die Stadt hofft, mit dieser Idee Eltern, die ihre Erziehungspflicht vernachlässigen, auf den rechten Weg zu bringen und so kostspielige Heim-Einweisungen zu vermeiden. Die seien nämlich am Ende für die Gesellschaft viel teurer als der für das Bonussystem veranschlagte Betrag. Zumal Erkenschwick darauf setzt, auch vom Land für diese Aktion finanziell unterstützt zu werden.

Eine erste Stellungnahme von Landesschulministerin Barbara Sommer (CDU) zu dem Projekt dürfte die Erkenschwicker denn auch in dieser Hinsicht hoffnungsfroh gestimmt haben. Die Ministerin: "Wir begrüßen es, wenn sich Städte dafür einsetzen, dass die Zusammenarbeit von Elternhaus und Schule verbessert wird. So erhalten unsere Schülerinnen und Schüler bestmögliche Zukunftschancen."

Über eine finanzielle Beteiligung des Landes sei damit aber nichts gesagt, schränkte ein Ministeriumssprecher Mittwoch ein. Auch der für diese Unterstützung zuständige Landschaftsverband Westfalen-Lippe winkt erst mal ab. Dessen Sprecher Markus Fischer: "Wir prüfen das erst, wenn der Landeshaushalt steht."

Doch eine Ko-Finanzierung durch die Landeskasse dürfte politisch schwierig werden. So kritisiert die schulpolitische Sprecherin der FDP-Landtagsfraktion Ingrid Pieper-von Heiden: "Die Idee ist absurd." Durch solche Anreize würden die Eltern diskriminiert, die ihre erzieherische Verantwortung ernst nehmen.

Gedacht ist das Erkenschwicker Bonussystem nämlich nicht für alle Eltern, die ihre Kinder verantwortungsbewusst und pünktlich zur Schule schicken. Der Erkenschwicker Jugendpfleger Michael Hess betont gegenüber der "Süddeutschen Zeitung": "Es ist für Eltern gedacht, die sich der Zusammenarbeit mit Jugendamt, Kindergarten oder Schule konsequent entziehen."

Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers denkt diesen Gedanken weiter und warnt vor Missbrauch: Das berge die Gefahr, "dass Menschen ihre Kinder absichtlich zuhause behalten, um später zu kassieren."

Kassieren im eigentlichen Sinne können die Eltern allerdings nicht. Auch die Stadt Oer-Erkenschwick hat die Gefahr gesehen, dass Geldprämien von nur scheinbar geläuterten Eltern vielleicht in Alkoholkonsum umgesetzt werden. Gedacht ist laut Jugendpfleger Hess an Sachprämien wie etwa eine Kamera, ein Grill oder eine Kaffeemaschine, die es als Gegenwert für die gesammelten Stempel geben soll.

Burkhard Hintzsche, Sozialdezernent der Stadt Düsseldorf, sagt zwar, dass er das Projekt seiner Erkenschwicker Kollegen nicht schlecht reden wolle. Für seinen Bereich, die Problemfälle in der Landeshauptstadt, möchte er jedoch weiter einen anderen Ansatz verfolgen. "Wir brauchen aufsuchende Instrumente", sagt Hintzsche.

Und meint damit den Elternbesuchsdienst, Erziehungsberatungsstellen und überhaupt den frühzeitigen Kontakt zu Eltern, bei denen es Erziehungsprobleme gibt. Hintzsche: "Ein einmaliger Wertgutschein von 100 Euro hilft nicht dabei, die oft schwerwiegenden Probleme in den Familien, für die es ja die unterschiedlichsten Ursachen geben kann, überhaupt nur zu erfassen."

 

Prämienwahn
Kommentar von Peter Kurz

Prämien sind groß in Mode. Erst die Abwrackprämie für alte Autos, nun die Erziehungsprämie für geläuterte Eltern. Der Steuerzahler wird’s schon schultern. Was kommt als nächstes?

Vielleicht die gewerkschaftliche Forderung, dass der Arbeitgeber seinen Angestellten fürs pünktliche Erscheinen belohnen soll. Im Ernst: Die Erziehung ist eine selbstverständliche Pflicht der Eltern. Ja, Erziehung ist Aufwand, früh aufzustehen fällt schwer.

Übrigens nicht nur Eltern in Problemfamilien. Aber das gehört nun mal zum Elternsein. Zu den Verantwortlichkeiten für das Kind. Dieses Verhalten erkaufen zu wollen, stellt die Verhältnisse auf den Kopf.

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