Nordrhein-Westfalen geht neue Wege in der Schulpolitik. Rot-Grün will längeres gemeinsames Lernen weit über die vierte Klasse hinaus erproben. Ausgerechnet ein CDU-Bürgermeister im "schwarzen" Münsterland ist Pionier für die Gemeinschaftsschule.

Düsseldorf. Zum kommenden Schuljahr geht in Nordrhein- Westfalen die erste schulformübergreifende Gemeinschaftsschule an den Start. Pionierin ist die münsterländische Gemeinde Ascheberg. Sie erhielt am Mittwoch als erste in NRW die Genehmigung. Das gaben Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) und der Bürgermeister der Stadt, Bert Risthaus (CDU), in Düsseldorf bekannt.

Die Gründung von Gemeinschaftsschulen ist ein wesentliches Projekt der rot-grünen Minderheitsregierung. Sie will die neue Schulform sechs Jahre lang erproben. Ascheberg will seine Real- und Hauptschule in eine Gemeinschaftsschule überführen. Nach der 10. Klasse sind Kooperationen mit weiterführenden Schulen in Nachbarorten geplant. Ascheberg soll als einzige Kommune schon in diesem Jahr eine Genehmigung zur Einführung einer Gemeinschaftsschule erhalten.

Andere Antragsteller müssen eine Entscheidung im kommenden Jahr abwarten. Gegen das Experiment gibt es verfassungsrechtliche Bedenken. Eine wesentliche Entscheidung wie die über eine neue Schulform kann aus Sicht der Kritiker nicht auf kommunaler Versuchsbasis ohne ein eigenes Landesgesetz getroffen werden. Die Opposition sieht sich in dieser Auffassung durch ein Rechtsgutachten für den Philologenverband gestärkt.

Die CDU prüfe, ob eine Klage erfolgversprechend wäre, sagte Landtagsfraktionschef Karl-Josef Laumann. Er sieht den Schulfrieden in NRW gefährdet. Löhrmann wies die Zweifel als unangemessen zurück. "Das ist eine verfassungsgemäße Genehmigung." Sie wolle im kommenden Jahr maximal 50 Gemeinschaftsschulen zulassen, um den Versuchsstatus nicht zu gefährden, kündigte die Ministerin an.

Wenn es mehr als 50 Anträge gebe, werde sie das Parlament befragen. Bislang gebe es in dieser Größenordnung Beratungsgespräche "unterschiedlicher Intensität". Eine gesetzliche Grundlage sei unbedingt erforderlich, um die Gemeinschaftsschule als Regelschule zu verankern, bekräftigte Löhrmann. In ihrem Koalitionsvertrag haben SPD und Grüne das Ziel formuliert, bis 2015 mindestens 30 Prozent der allgemeinbildenden Schulen in Gemeinschaftsschulen umzuwandeln.

Die Gemeinschaftsschule in Ascheberg leiste Pionierarbeit mit einem beispielhaften pädagogischen Konzept, das Leistungs- und Neigungsprofile kombiniere, lobte die Ministerin. Dies gilt auch für Bürgermeister Risthaus. Der CDU-Kommunalpolitiker hat sich gegen die ausdrückliche Ablehnung der Landesparteispitze für die Gemeinschaftsschule entschieden. Risthaus verteidigte seine Haltung. "Wir haben alle mitgenommen - auch in den Nachbargemeinden.

Das war ein einstimmiger, parteiübergreifender Beschluss im Rat." Das Interesse vor Ort und die Akzeptanz bei den Bürgern seien "riesengroß". Sein Parteifreund, der Bürgermeister der benachbarten Gemeinde Lüdinghausen, Richard Borgmann, fürchtet hingegen um die Schulen seiner Stadt. Löhrmann betonte, die Gemeinschaftsschule sei angesichts sinkender Schülerzahlen die einzige Möglichkeit gewesen, den Bildungsgang der Realschule und der Hauptschule am Standort Ascheberg zu erhalten.

Gleichzeitig werde für alle Schüler länger eine Perspektive bis zum Abitur offengehalten. "Wer versucht, das zu verhindern, der hat den Anspruch auf Gestaltung der Zukunft verspielt", sagte Risthaus. "Das ist nicht was völlig Wildes, völlig Neues." Die Reaktionen der Lehrerverbände und der Fraktionen fielen unterschiedlich aus. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) und die Grünen begrüßten das Modell.

Der VBE sieht darin eine Chance, den engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen zu entkoppeln. Der überwiegend Realschullehrer organisierende Verband Lehrer NRW befürchtet dagegen ebenso wie die FDP einen Verlust an Bildungsqualität wegen mangelnder Differenzierung.

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