Eine Musiklehrerin aus dem Sauerland probt den Aufstand. Mit einer Klage will sie das Freihandelsabkommen der EU mit Kanada zu Fall bringen. Was klein begann, entwickelt sich zur größten Verfassungsbeschwerde in der Geschichte der Bundesrepublik.

Die 69-jährige Marianne Grimmenstein hat im Wortsinne Berge von Post erhalten - Vollmachtserklärungen von Nebenklägern gegen das Abkommen CETA.
Die 69-jährige Marianne Grimmenstein hat im Wortsinne Berge von Post erhalten - Vollmachtserklärungen von Nebenklägern gegen das Abkommen CETA.

Die 69-jährige Marianne Grimmenstein hat im Wortsinne Berge von Post erhalten - Vollmachtserklärungen von Nebenklägern gegen das Abkommen CETA.

Ina Fassbender

Die 69-jährige Marianne Grimmenstein hat im Wortsinne Berge von Post erhalten - Vollmachtserklärungen von Nebenklägern gegen das Abkommen CETA.

Lüdenscheid (dpa).  Das Wohnzimmer von Marianne Grimmenstein erinnert an eine Poststelle. «Das ist alles nur von heute», sagt die 69-Jährige und zeigt auf die Briefstapel auf dem Tisch. Hunderte Bundesbürger schicken der Musiklehrerin aus Lüdenscheid im Sauerland derzeit täglich eine Vollmacht, mit der sie sich Grimmensteins Verfassungsbeschwerde gegen das Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada anschließen wollen. Es dürfte die größte Bürgerklage in der Geschichte der Bundesrepublik werden.

«So viel Post bekommt in Lüdenscheid keiner», sagt Postbote Thomas Grehel, der der 69-Jährigen gerade eine Kiste mit Hunderten Briefen in die Hand gedrückt hat. Während Grimmensteins Ehemann Peter beginnt, die Umschläge zu öffnen und die Formulare zu stapeln, redet sich die 69-Jährige in Rage: CETA billige Konzernen ein Klagerecht gegen Staaten zu. «Aber die Staaten können nicht gegen die Wirtschaft klagen, wenn die Mist bauen und unser Welt kaputt machen. Das ist doch ein Witz.» Das Abkommen fördere Gentechnik und Umweltzerstörung und beschneide Arbeitnehmer- und Verbraucherrechte.

Seit 2014 kämpft Grimmenstein gegen CETA. Dass sie dabei eine solche Massenbewegung losgetreten hat, ist ihr noch immer ein bisschen unheimlich. Aber letztlich überwiegt die Freude über die Riesen-Resonanz. Eine Online-Petition, die sie angestoßen hat, wird inzwischen von mehr als 165 000 Menschen unterstützt.

Nun bereitet sie gemeinsam mit dem Bielefelder Jura-Professor Andreas Fisahn und mit Unterstützung der Petitions-Plattform «change.org» die Mammut-Bürgerklage vor. Wer sich beteiligen will, kann auf der Seite ein Vollmacht für den Anwalt unterschreiben und ihn damit ermächten, im eigenen Namen Klage gegen das CETA-Abkommen einzureichen. Kosten entstehen dadurch nicht - sie sind bereits über Spenden gedeckt.

Rein rechtlich ist es egal, ob ein einzelner Mensch eine Verfassungsbeschwerde einreicht oder ob es Zehntausende sind, erklärt ein Sprecher des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Aber die öffentliche Aufmerksamkeit wird bei einer Massenklage natürlich größer.

Bereits ausverhandelt ist das Abkommen Ceta («Comprehensive Economic and Trade Agreement») zwischen Europa und Kanada. Es gilt als Blaupause für TTIP. Seit Ende Februar sind die letzten Prüfungen durch die EU und Kanada abgeschlossen. Die EU-Kommission hat den «finalen Abkommenstext» veröffentlicht. Dieser muss nun noch vom Europäischen Parlament genehmigt werden. Zuvor muss ein EU-Ratsbeschluss gefasst werden. Erst danach dürfen die nationalen Parlamente der Mitgliedsstaaten über das Abkommen beraten und abstimmen. Umwelt- und Verbraucherschützer, Sozialverbände und Gewerkschaften befürchten eine Angleichung der Standards auf geringerem Niveau.

Von 1951 bis 2015 wurden fast 213 000 Verfassungsbeschwerden eingelegt. Die bisher größten Beschwerden in Bezug auf die Anzahl der Beschwerdeführer richteten sich nach Angaben des Gerichts gegen die Vorratsdatenspeicherung (rund 35 000 Kläger) und den Euro-Rettungsschirm ESM (rund 37 000 Kläger).

An der CETA-Klage hatten sich schon vor zwei Wochen 40 000 Menschen beteiligt. 50 000 sollen es insgesamt werden, hofft Grimmenstein. Warum sie sich das alles antue? «Ich habe mich mein ganzes Leben lang für Wirtschaft und Politik interessiert, habe mir Wissen angeeignet und habe immer gefragt, was dahinter steht. Sozusagen als Ausgleich zu meinem Beruf.» Und ihre Meinung vertrete sie konsequent und entschlossen, sagt sie.

Manche Nachtschicht hat die 69-Jährige schon eingelegt, um die vielen Briefe zu sichten und zu sortieren. Deshalb soll das Online-Formular am 12. März offline gehen. Vor dem Wohnzimmerfenster stapeln sich bereits Dutzende in Frischhalte-Folie gewickelte Stapel mit jeweils 500 Vollmachten. Ihr Mann und drei weitere Helferinnen unterstützen die 69-Jährige bei der eintönigen Arbeit. Allein die Liste der Mitkläger, die der Verfassungsbeschwerde angehängt wird, dürfte rund 800 Seiten lang werden.

Wann genau sie ihre Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe einreicht, weiß Grimmenstein noch nicht. «Das hängt von den aktuellen Entwicklungen ab, denn noch ist das Abkommen ja nicht in Kraft.»

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