Ich weiß was, aber sage nichts – so hat sich schon mancher Politiker um Kopf und Kragen geredet.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft weiß was, sagt es aber nicht.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft weiß was, sagt es aber nicht.

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft weiß was, sagt es aber nicht.

Wolfram Kastl

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft weiß was, sagt es aber nicht.

Düsseldorf. Mit dem Spott des Netzes musste die Geheimniskrämerin der Sozialdemokraten am Dienstag leben. „Hannelore Kraft weiß etwas, will es aber nicht sagen. Das Verfahren hat sich nach der Kölner Silvesternacht bewährt“, ätzte Komiker Micky Beisenherz bei „Facebook“. Ein anderer gut gehender Scherz in den sozialen Medien, der sich an der Aussage der NRW-Ministerpräsidentin beim Düsseldorfer Ständehaustreff orientierte, sie wisse zwar, wer SPD-Kanzlerkandidat werde, sage es aber nicht: „Die CDU weiß sogar schon, wer 2017 Kanzlerin wird, sagt es aber noch nicht.“ Da schmunzelt man und ist sich sicher: Am Montagabend hat Kraft in einer Mischung aus genervter Eitelkeit und eilfertigem Gegensteuern ob ständig wiederkehrender Diskussionen um ihre bundespolitische Bedeutung verbal daneben gegriffen – und mit ihrer Geschwätzigkeit der Partei einen Bärendienst erwiesen. Tenor: Keine Sorge, ich weiß schon, was im Führungszirkel passiert. Dabei wissen es die Sozialdemokraten der offiziellen Tonart nach selbst noch nicht.

Ein Minister eilt ihr zur Hilfe. Als Christian Lindner (FDP) Kraft am Dienstag via Twitter „Wichtigtuerei“ vorwarf, oder aber die Wähler an der Nase herumzuführen, erwiderte Finanzminister Norbert Walter-Borjans: „Sagt jemand, der sich für ganze zwei LT-Sitzungswochen als Spitzenkandidat aufstellen lässt (vielleicht ja auch für länger...).“ Hintergrund: Lindner hatte klargestellt, sowohl in NRW als auch im Bund 2017 als FDP-Spitzenkandidat aufzutreten. Das kann man problematisch finden, geht aber durch als: klare Kante. Eine Haltung, die Franz Müntefering den Sozialdemokraten mal vorgelebt hatte.

Ja, das politische Schauspiel ist etwas unwürdig. Dass sich auch CDU-NRW-Spitzenkandidat Armin Laschet via Twitter zu Wort meldete und Kraft vorwarf, so „Verdrossenheit und Populismus“ zu fördern, rief bei manchem Erinnerung an eine Episode aus Laschets eigener Karriere wach: Als der im Juni 2015 an der Exzellenz-Hochschule RWTH Aachen an 28 Studenten 35 Noten vergab, weil ihn verschwundene Klausuren plagten, nur noch Notizen Orientierung boten und Laschet über diese Schlamperei im Nebenjob gehörig zu stolpern schien, sagte der 55 Jahre alte Aachener den NRW-Journalisten wörtlich: „Ich könnte Ihnen das erklären, aber ich mache es nicht.“

König der politischen Verbalperlen ist aber Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU), der angesichts der Frage nach dem Ausmaß von Terrorgefahr beim Fußball-Länderspiel im November 2015 in Hannover Details verweigerte und schwadronierte: „Teile der Antwort würden die Bevölkerung verunsichern.“

So entsteht immerhin im Rückblick politische Geschichte, kommt aber im Tagesgeschäft viel weniger glamourös daher. Dass Politiker nämlich oft mehr wissen und zu wissen haben als das Volk, darf als notwendig gelten, sollte aber vom Politiker selbst nie öffentlich erklärt werden. Und dass mindestens die Genossen als zu geschwätzig gelten, als dass sie in Vielzahl eine offenbar fixe Kandidatenentscheidung zwei Monate lang hinter dem Berg halten könnten, wusste schon Franz Müntfering anno 2005. „Die Leichtigkeit und Undiszipliniertheit, mit der in den Medien übereinander gesprochen wird, macht uns kaputt“, hatte der scheidende SPD-Chef seinerzeit im niedersächsischen Walsrode gesagt. Manche Dinge ändern sich nie. Schon gar nicht in der Politik.

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