Die Junge Islam-Konferenz bringt jetzt auch in NRW Muslime und Nicht-Muslime zusammen, um ihren Erfahrungen Gehör zu verschaffen.

Düsseldorf. Es ist ruhig an diesem Nachmittag im Düsseldorfer Landtag. Die Politik hat sich ins Wochenende zurückgezogen. Nur im Sitzungssaal der CDU-Fraktion geht es hoch her. „Wir reden hier schon die ganze Zeit über das Wie des Moscheebaus. Dabei ist noch gar nicht über das Ob entschieden“, ruft eine Vertreterin der Bürgerinitiative „Moscheebau: Nein danke!“ vehement. Auch stünden die Spenden aus dem Ausland für eine undurchsichtige Finanzierung des Baus. Und schließlich: „Es gibt eine Bringschuld derer, die zu uns kommen, und keine Holschuld derjenigen, die hier schon immer leben.“

Die Moschee ist so fiktiv wie die Stadt Rodan, in der sie entstehen soll, und das Land Rosanien, in dem die Auseinandersetzung spielt. Aber die 40 jungen Menschen, die sich hier mit vorher per Zufall verteilten Rollen in dem Planspiel streiten, sind ganz real.

Eine knappe Stunde zuvor haben sie im Plenarsaal für das Gruppenfoto zusammengestanden und dabei gelacht, als seien sie schon lange vertraut miteinander. Dabei kennt sich die Gruppe gerade seit einer Woche. Die Muslime und Nicht-Muslime zwischen 17 und 23 Jahren, mal gläubig, mal nicht und quer durch die Schichten zusammengesetzt, bilden die erste Junge Islam-Konferenz (JIK) Nordrhein-Westfalen.

Der Name erinnert an die Deutsche Islam-Konferenz, die von Wolfgang Schäuble 2006 ins Leben gerufen worden war. Aber in Düsseldorf geht es nicht um Gespräche zwischen dem Staat und den muslimischen Verbänden. Die JIK will gerade zeigen, dass es jenseits der Verbände und abstrakten Diskussionen über „den“ Islam unter jungen Menschen längst viel selbstverständlicher ist, Unterschiedlichkeit als normal zu empfinden.

Nawael (23) zum Beispiel, gebürtige Deutsche mit ägyptischem Vater, steht kurz vor dem Abschluss ihres Psychologiestudiums. „Und unter den Studenten war mein Kopftuch nie ein Thema.“ Nach ihrer Erfahrung haben Gleichaltrige „eine größere Gelassenheit im Umgang mit Minderheiten“. Bei Anfeindungen Älterer gehe es oft nur darum, eigene Konflikte und Vorurteile abzuladen. „Die wollen gar keine Antwort.“

Die Konferenz, die in NRW bis 2019 jedes Jahr 40 andere junge Menschen zusammenbringen wird, will aber gerade deren Antworten und Lösungen Gehör verschaffen, „denn es geht um ihre Zukunft“, sagt Projektleiterin Nina Prasch. Die dann 160 Teilnehmer sollen ein Netzwerk bilden und als Multiplikatoren dienen, um die Islamdebatte zu entschärfen und Vorurteile zu bekämpfen. „Und diese Vision ist nicht nur eine Worthülse, sondern in den Teilnehmern vorhanden“, gibt Nawael ihre Eindrücke der ersten Begegnungen wieder.

Die 2011 in Berlin geborene Idee wird inzwischen neben NRW auch in Hamburg, Schleswig-Holstein umgesetzt. Vier weitere Bundesländer werden bis 2019 noch folgen. Die JIK wird von der Berliner Humboldt-Universität wissenschaftlich begleitet. Getragen wird sie von der Aktion Gemeinwesen und Beratung, gefördert durch die Stiftung Mercator.

Leonie (19) aus dem Kreis Viersen hat sich beworben, weil in ihrem persönlichen Umfeld „die Haltung gegenüber Muslimen immer mehr ins Negative abgerutscht ist“. Die angehende Studentin der evangelischen Theologie will sich engagieren, um dagegenzuhalten. Denn einerseits seien Jugendliche zwar Vielfalt stärker gewöhnt als Eltern und Großeltern. „Aber unterschwellig gibt es die Vorurteile auch in unserer Generation. Man kann nicht davon ausgehen, dass wir komplett tolerant sind.“

Die Offenheit, die während der Tage der JIK unter den so unterschiedlichen Teilnehmer herrscht, habe sie in der Form noch nie erlebt. „Es gibt ein großes Interesse und den Willen, etwas zu bewegen.“ Ein Auseinandergehen ohne Folgen ist für sie undenkbar. „Es geht darum, dass wir die Möglichkeit bekommen, auch selbst so einen Dialog anleiten zu können.“

Dafür ist es gut, auch mal die Perspektive zu wechseln. Der Moscheebau in Rodan bietet reichlich Gelegenheit dazu.

j-i-k.de

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