Neo-Nazis demonstrieren in Heinsberg gegen Sex-Täter.

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Die Demonstranten blicken in verhängte Fenster: Hier, im Haus seines Bruders, wohnt derzeit der Sexualstraftäter Karl D.

Die Demonstranten blicken in verhängte Fenster: Hier, im Haus seines Bruders, wohnt derzeit der Sexualstraftäter Karl D.

dpa

Die Demonstranten blicken in verhängte Fenster: Hier, im Haus seines Bruders, wohnt derzeit der Sexualstraftäter Karl D.

Heinsberg. Andrea Langguth ist fassungslos. "Da unterhalten sich einige Schaulustige sogar mit den Neonazis und verteilen deren Flugblätter." Die Krefelderin gehört mit ihrem Lebensgefährten Eugen Randerath dem rund 40-köpfigen Bündnis für Toleranz und Demokratie aus der Seidenweberstadt an, hat am Wochenende extra die gut 60 Kilometer zurückgelegt, um ein Zeichen zu setzen bei der Demonstration der Rechtsextremen, die für Sexualstraftäter Karl D. die Todesstrafe fordern.

Zirca 85 Anhänger der rechten Szene sind in das 1.500-Einwohner-Dorf Randerath gekommen. Die meisten mit dem Zug. Doch der hat 25 Minuten Verspätung, weil während der Fahrt eine Demonstrantin einen Fahrgast angegriffen und verletzt haben soll.

Mit deutlicher Verspätung geht es auf dem Marktplatz los. Hier haben die rund 400 Polizisten aus Köln, Wuppertal, Bochum und dem Kreis Heinsberg, die bei der NPD-Demo im Einsatz sind, schon vorgesorgt. Die Teilnehmer werden in einem Zelt kontrolliert und dann in einen mit Gittern abgesperrten Bereich vorgelassen.

"Wer ist denn das Männken im Popelinejäckchen?" fragt eine Frau. Sonnenbrille, Aktentasche in der Hand - so kommt er auf den Randerather Marktplatz. Es ist Axel Reitz, der sich gerne "Gausekretär Rheinland" nennt und den hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein als "orientalische Variante Adolf Hitlers" verehrte.

Bis April 2008 hat der 26-jährige Pulheimer, der bei NPD-Aktionen häufig als Versammlungsleiter in Erscheinung tritt - auch in Randerath - eine Haftstrafe abgesessen. Wegen Volksverhetzung wurde Reitz, der von Hartz IV lebt, zu 21 Monaten verurteilt, nachdem er sich auf einer Kundgebung gegen den Bau einer Synagoge in Bochum antisemitisch geäußert hatte.

Nun ist Axel Reitz wieder auf freiem Fuß- Und setzt seinen rechtsradikalen Kurs unbeirrt fort. In Randerath mahnt er seine "lieben Kameraden", wie er sie nennt, nicht im Gleichschritt zu marschieren, keine Springerstiefel oder Bomberjacken zu tragen.

Denn die Polizei hat den NPDlern strenge Auflagen gemacht. Verhindert werden konnte die Demonstration jedoch nicht. "Wir wissen uns diszipliniert zu verhalten, wenn es um eine wichtige Sache geht wie hier in Randerath", versichert Reitz, der in seinen Kreisen als "Hitler von Köln" bezeichnet wird.

Karl D. persönlich den Tod zu wünschen, ist verboten. Aber generell die Todestrafe für Kinderschänder zu fordern, ist erlaubt. Das erklärt der Nazi-Funktionär seinen Leuten nochmal in aller Deutlichkeit.

Dann setzt sich der Tross in Bewegung, zieht durch den Ort, hält nur wenige Meter vom Haus entfernt, in dem D. bei seinem Bruder Unterschlupf gefunden hat, eine Kundgebung ab. "Berechtigte Interessen des Volkes in der notwendigen Schärfe artikulieren" - so umschreibt die NPD-Größe Sinn und Zweck der Protestaktion, die nur von wenigen Schaulustigen beobachtet wird.

Für die Randerather hat Axel Reitz lobende Worte übrig. Nachdem sie erfahren hätten, wer der neue Nachbar sei, seien sie "recht rührig", hätten sofort Proteste organisiert und Aufklärung über den Langzeit-Häftling betrieben. "Die Lösung lautet Todesstrafe", verkündet Reitz über mitgebrachte Lautsprecher.

Um dann anzukündigen: "Wir wollen den Volskzorn am Kochen halten. Das Thema darf nicht in der Versenkung verschwinden, auch wenn die Anwohnerproteste langsam abebben." Die Randerather Bürger - sie wollen die NPDler nicht. Die meisten bleiben an diesem Samstag zu Hause, nur wenige verfolgen von ihren Fenstern den braunen Protest. Mit den Neonazis wollen sie nichts zu tun haben, auch wenn Vergewaltiger Karl D. ein unerwünschter Neubürger ist.

Es bleibt ruhig an diesem Nachmittag in Randerath. Polizeisprecher Norbert Schröders vermeldet keine besonderen Vorkommnisse. Die Rechten ziehen ab, D. war gar nicht zu Hause. Auch einige Tage zuvor hatte der 57-Jährige den Ort verlassen, war in Begleitung einiger Beamter in Zivil nach Aachen gefahren, wo er einen Termin beim Psychiater hatte.

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