Analyse: Ein interner Vermerk bringt den SPD-Mann in Bedrängnis. Die Grünen setzen sich ab.

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Kontrahenten: Sierau und Diegel

Kontrahenten: Sierau und Diegel

Kontrahenten: Sierau und Diegel

Dortmund. Die Luft für den designierten Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) wird immer dünner. Gestern nahm die Bezirksregierung Arnsberg das am 30. August gewählte Stadtoberhaupt erneut aufs Korn. In einer Pressekonferenz enthüllte die Behörde, dass Sierau bereits am 29. Mai durch die Dortmunder Kämmerei von dem sich anbahnenden Haushaltsdesaster hätte Kenntnis haben können, wenn nicht sogar müssen.

Am 29. Mai wurden Sierau die Fakten zum Haushaltsdesaster zugestellt

"Nach unseren Unterlagen wurden Herrn Sierau als damaligem Stadtdirektor am 29. Mai Unterlagen zu der Haushaltskrise in Dortmund zugestellt. Der Schriftsatz diente zur Vorbereitung auf eine Sitzung am 5. Juni", sagte Ferdinand Aßhoff, bei der Bezirksregierung Arnsberg zuständig für die Kommunalaufsicht, unserer Zeitung. Der rund 25-seitige Schriftsatz habe harte Fakten beinhaltet. "Dort wurde konkret beschrieben, dass das Loch im laufenden Jahr von 27 auf 158,5Millionen Euro steigen könnte. Und auch für die kommenden Jahre wurden jeweils rund 200 Millionen Euro als strukturelles Defizit benannt", sagte Aßhoff.

Die Dortmunder Haushaltskatastrophe wurde erst einen Tag nach der Kommunalwahl durch die damalige Kämmerin und den noch amtierenden Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer offenbar. Die in der Wahl unterlegenen CDU und FDP schäumten und sprachen von Wahlbetrug. Sierau, obwohl vor der Wahl als Stadtdirektor Spitzenmann der Stadtverwaltung, hatte immer wieder beteuert, von den konkreten Daten zum Desaster nichts gewusst zu haben.

In einer zwar wortreichen, aber nicht eben erhellenden Erklärung nimmt Sierau auch zu dem Termin am 5. Juni Stellung. "Ich habe nur kurz an dem Termin teilgenommen", schreibt Sierau dort. Ob er, der doch Oberbürgermeister in Dortmund werden wollte, vorher die 25 Seiten zur finanziellen Zukunft seiner Stadt gelesen hat, lässt er in seiner Stellungnahme offen.

Der Arnsberger Regierungspräsident Helmut Diegel (CDU) prüft nun einen Einspruch gegen das Ergebnis der Kommunalwahl in Dortmund. In der kommenden Woche werden seine Beamten noch einmal in Dortmund die Unterlagen sichten. Eine Entscheidung, ob geklagt wird, fällt im Oktober.

Der 53-Jährige wuchs in Wolfsburg auf und studierte Raumplanung in Dortmund und Oxford. Sierau (Foto) arbeitete zunächst im NRW-Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr. 1999 ging er zur Stadt Dortmund, zuletzt war er dort Stadtdirektor. Am 30. August wurde der SPD-Politiker zum Dortmunder Oberbürgermeister gewählt - als Nachfolger seines Parteikollegen Gerhard Langemeyer.

Der Arnsberger Regierungspräsident war lange Jahre Finanzexperte der CDU-Fraktion im Landtag. Diegel (53) hatte sich Hoffnung gemacht, Finanzminister zu werden, kam jedoch nicht an seinem Parteifreund Helmut Linssen vorbei. Einen Spitzenjob in Düsseldorf hat er immer noch im Blick. Er ist mit der Grünen-Politikerin Barbara Steffens verheiratet.

Sierau selbst war noch vor einigen Tagen durchaus gewillt, sein neues Amt wegen der Turbulenzen erst gar nicht anzutreten. Neben lokalen Weggefährten hat ihn aber wohl auch SPD-Landeschefin Hannelore Kraft dazu bewegt, durchzuhalten. Für eine politische Mehrheit benötigt er die Stimmen der Grünen im Stadtrat. Doch die gehen immer mehr auf Distanz.

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