Mehr als 60 Menschen werden verletzt, als ein als orthodoxer Jude verkleideter Mann die traditionelle Gedenkfeier stört.

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Mitglieder des niederländischen Königshauses – rechts im Bild Königin Beatrix – laufen in Begleitung von Sicherheitskräften in Panik davon.

Mitglieder des niederländischen Königshauses – rechts im Bild Königin Beatrix – laufen in Begleitung von Sicherheitskräften in Panik davon.

dpa

Mitglieder des niederländischen Königshauses – rechts im Bild Königin Beatrix – laufen in Begleitung von Sicherheitskräften in Panik davon.

Amsterdam. Es war die sachliche Mitteilung der Einschaltquoten, die das Ausmaß des kollektiven Schocks in Holland verdeutlichte: Nahezu vier Millionen Niederländer verfolgten das dramatische Geschehen beim Gedenken für die Kriegstoten auf dem Dam, dem zentralen Platz ihrer Hauptstadt Amsterdam, live im Fernsehen.

Sie hörten markerschütternde Schreie. Sie sahen Menschen in Panik weglaufen, Absperrungen umreißen, übereinander stürzen. Sie sahen, wie Polizisten den Verursacher der Panik überwältigten. Und wie Königin Beatrix samt Thronfolger Willem-Alexander und Schwiegertochter Máxima von Leibwächtern in Sicherheit gebracht wurden.

Das alles fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem ebenfalls Millionen von Menschen live im Fernsehen miterlebt hatten, wie ein Mann bei der Königinnentagfeier in Apeldoorn mit einem Kleinwagen auf den Festbus der Monarchin zuraste und dabei sieben Menschen mit sich in den Tod riss.

Die Motive des damaligen Attentäters sind heute noch unklar. Genauso wie die jenes Mannes, der sich Dienstagabend in Amsterdam in der Tracht orthodoxer Juden während der Schweigeminute für die Toten der Kriege die Seele aus dem Hals schrie.

Knochenbrüche, Prellungen und Schürfwunden

"In unserem Land herrscht gesellschaftliche Nervosität", fasste ein TV-Kommentator die Stimmung am Morgen nach dem Chaos auf dem Dam zusammen.

Seit dem Attentat von Apeldoorn, bei dem der Täter mit seinem Auto den Bus der Königin verfehlte, versuchen die niederländischen Sicherheitskräfte eine Art Quadratur des Kreises. Das Volk diskutiert eifrig mit, wie die Monarchin an ihren beliebten öffentlichen Auftritten festhalten kann, ohne dabei hinter Panzerglas versteckt zu werden.

Wie wichtig der Oranje-Fürstin Volksnähe und königliche Haltung sind, machte sie schon Minuten, nachdem sich die Panik einigermaßen gelegt hatte, deutlich: Gefasst und erhobenen Hauptes kehrte Beatrix auf den Platz zurück. Die Menschen hielten inne und klatschten.

"Dies alles ist unendlich traurig", hatte am Abend der sichtlich erschütterte Ministerpräsident Jan Peter Balkenende gesagt. Da hatte er gerade geholfen, eine Verletzte zu versorgen. 63 Menschen - so die Bilanz des Gesundheitsdienstes - mussten in Krankenhäusern behandelt werden. "Wir hatten Knochenbrüche, Prellungen und Schürfwunden", sagte ein Arzt. Nicht Ernstes also.

Ernsthaft klingen aber die Fragen, mit denen sich die Sicherheitskräfte nun konfrontiert sehen. Wie konnte es geschehen, dass bei einer so symbolgeladenen Gedenkfeier für Hollands Kriegstote plötzlich panische Angst vor einem Sprengstoffanschlag um sich greift?

"Bombe, Bombe, abhauen!", hatte eine Frau gerufen und begonnen zu laufen. Vor ihr hatte ein Mann - vor lauter Schreck über die durch Mark und Bein gehenden Schreie des vermeintlichen orthodoxen Juden - einen Koffer fallen lassen. Auch er wurde überwältigt, aber kurz darauf freigelassen. Sein Gepäckstück habe sich als "ganz harmlos" erwiesen, sagte ein Polizeisprecher. Ein Koffer? In einer Menschenmenge, wenige Meter von der Königin und dem Regierungschef entfernt?

"Das ist schwer zu begreifen", sagte eine Frau, die eine Schürfwunde am Kopf erlitten hatte. "Nach all dem, was wir vergangenes Jahr erlebt haben."

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