Er war Chefredakteur der "Titanic" und ist bis heute ihr Herausgeber, er war Reporter bei der "heute-show", hat Filme gedreht und Bücher geschrieben: Martin Sonneborn. Seit 2014 sitzt der 51-Jährige für die von ihm gegründete Satire-Partei "Die Partei" als Abgeordneter im Europäischen Parlament.

Martin Sonneborn
Martin Sonneborn sitzt seit 2014 für die von ihm gegründete Satire-Partei "Die Partei" als Abgeordneter im Europäischen Parlament.

Martin Sonneborn sitzt seit 2014 für die von ihm gegründete Satire-Partei "Die Partei" als Abgeordneter im Europäischen Parlament.

dpa

Martin Sonneborn sitzt seit 2014 für die von ihm gegründete Satire-Partei "Die Partei" als Abgeordneter im Europäischen Parlament.

Berlin.  In einem launigen Gespräch mit unserer Redaktion erklärt Martin Sonneborn, warum Europa keine optimale Bühne ist für einen Satiriker.

F: Hallo, Herr Sonneborn, macht es Spaß in Straßburg?

A: Ich sitze in Brüssel. Im Prinzip ist es interessant, eine interessante Herausforderung.

F: Aber einmal im Monat zieht das Parlament nach Straßburg um, nicht wahr?

A: Ja, dann geht der ganz Zirkus hier auf die Reise. Dann kommt alles in grüne Kartons und dann setzen sich für 180 Millionen Euro im Jahr Bedienstete, Beamte, Dolmetscher, Präsident Schulz und ich in Bewegung.

F: Nervt Sie das?

A: Ja. Ein totaler Wahnsinn.

F: Kann man dagegen nichts machen?

A: Wir haben einen Film darüber gedreht. Viele Leute wissen gar nicht, dass das Europäische Parlament zwölf Mal im Jahr nach Straßburg umzieht. Einfach nur, weil die Franzosen das so möchten. Meine Art von Politik ist es, Öffentlichkeit herzustellen für Dinge, die mich stören. Viel mehr kann man nicht machen.

F: Ist das EU-Parlament für einen Satiriker die optimale Bühne?

A: Nein. Optimal schon deshalb nicht, weil ich hier nicht der Verhaltensauffälligste bin. Ich bin fraktionsfrei geblieben und gehöre somit zum Abschaum des Parlamentes. Deswegen sitze ich neben bizarren Gestalten, Links- und Rechtsradikalen, Monarchisten, Antisemiten und Udo Voigt von der NPD.

F: Wie gehen Sie mit diesen Leuten um?

A: Ich ärgere sie, genau wie die dicken, alten, weißen Männer. Zum Beispiel Elmar Brocken (Anm. d. Red.: gemeint ist Elmar Brok), der routiniert Buffets eröffnet, während vorne noch gesprochen wird. Oder Herbert Reul und Jo Leinen. Ich mache ja keine herkömmliche Politik. Ich stelle Öffentlichkeit her für die skurrilen und unseriösen Seiten des EU-Parlaments; und gebe Orientierung durch Reden. Meine Rede gegen Erdogan wurde im Netz über fünf Millionen Mal abgerufen.

F: Nehmen die alteingesessenen Parlamentarier Sie ernst?

A: Der dicke Elmar Brocken ist mir mal fast an die Gurgel gegangen vor einer laufenden ARD-Kamera. Nur die Schwerkraft hat mich gerettet. Ich sei faul, faul, faul, frech und faul, hat er getobt. Grund war, dass ich ein Foto von ihm hochgeladen habe, welches ihn schlafend bei einer Diskussionsrunde zeigt. Da wurde sehr über ihn gelacht.

F: Sind Sie faul?

A: Es gibt zwar den Eindruck, dass ich hier wenig tue. Aber ich bin durchweg beschäftigt.

F: Wie sieht denn Ihr Arbeitsalltag aus?

A: Nach den Anschlägen in Brüssel gehe ich aus Sicherheitsgründen nicht vor elf Uhr ins Parlament. In Straßburg stimme ich mittags eine Stunde ab. Wir haben einmal in 40 Minuten 240 Abstimmungen durchgeprügelt. Ich habe das Glück, dass ich aufgrund meines Wahlversprechens - Ja zu Europa, Nein zu Europa - immer abwechselnd votieren kann. Ich muss mir also nicht so viele Gedanken machen. Ich kann nebenbei andere Dinge tun, während ich vor mich hin stimme. Und dann gehe ich Kaffeetrinken.

F: Aber der Tag ist dann noch nicht rum.

A: Dann kommen noch Besuchergruppen. Immer, wenn junge Leute im Parlament sind, also deutlich unter 60 Jahren, ist die Chance groß, dass es eine Besuchergruppe für Die Partei ist. Ich gebe Interviews, ich surfe ein bisschen im Netz, und ich lese Tageszeitung. Ich bin ein großer Freund der Printmedien. Ich möchte auch, dass sie gefördert werden. Die Haushaltsabgabe für die Öffentlich-Rechtlichen sollte dahingehend aufgeteilt werden.

F: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, die EU ist in ihrer jetzigen Form nicht mehr zu retten.

A: Doch, schon. Aber nicht mit den dicken, alten, weißen Männern, die hier im Moment die Gestaltungsmöglichkeiten haben. Die große Koalition hier fährt einen klar neoliberalen Kurs. Sie machen Politik für Finanzmärkte und Wirtschaft. Im Moment haben wir eine Vermögensverteilung, wie sie vor Revolutionen nachweisbar war. Deswegen muss schnell etwas geschehen.

F: Und was?

A: Ich setze auf jüngere Idealisten, von denen es auch welche gibt im EU-Parlament. Außerdem wird es die biologische Lösung geben.

F: Treten Sie nochmal an?

A: Es gibt Bestrebungen, in Europa eine Drei-Prozent-Klausel einzuführen, damit solche Gestalten wie Udo Voigt und ich nicht mehr einziehen. Das wird eine schöne Herausforderung für mich und Die Partei. Aber ich glaube, dass das hier für mich mit einer Legislaturperiode ausgereizt ist.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer