Gysi ermahnt seine Genossen – doch der Streit brodelt.

Berlin. Gregor Gysi beschrieb den Zustand seiner Partei in den schwärzesten Farben. "Es ist bei uns ein Klima der Denunziation entstanden", bilanzierte er bei der Fraktionsklausur der Linken am Montag in Berlin. Offen sprach Gysi über die Illoyalität des Bundesgeschäftsführers Dietmar Barsch gegenüber Parteichef Oskar Lafontaine. Co-Parteichef Lothar Bisky klagte gar über eine in der Partei grassierende "ideologische Schweinegrippe".

Bei den Linken geht es drunter und drüber, seit Lafontaine wegen einer Krebserkrankung seine politische Zukunft offen gelassen hat. Jetzt liegt es vor allem an Gysi, die Partei vor dem totalen Chaos zu bewahren. Stein des Anstoßes waren Zeitungsberichte, die laut Gysi durch Indiskretionen von Bartsch zustande gekommen waren. Dieser habe sich "nicht loyal" gegenüber dem Vorsitzenden Lafontaine verhalten, stellte Gysi fest. Von der Notwendigkeit eines Rücktritts von Bartsch wollte Gysi dennoch nicht sprechen. Vielmehr müsse der Bundesgeschäftsführer selbst entscheiden, ob er beim Rostocker Parteitag noch einmal für sein Amt kandidiert. Gysi vermied es, sich offen gegen Bartsch zu stellen, denn der eloquente Ökonom aus dem Osten gehörte bislang zu den wenigen Hoffnungsträgern in der Partei - und hat als reformorientierter Pragmatiker vor allem im Osten viele Anhänger.

Abschied von Lafontaine aus der Politik erscheint möglich

Schließlich könnte Bartsch möglicherweise bleiben, falls sein Widersacher Lafontaine nach seiner Krebsoperation vom November tatsächlich die bundespolitische Bühne verlässt. Gysi kündigte eine baldige Entscheidung Lafontaines an - und stimmte die Partei auch auf einen möglichen Abgang ihres prominenten Führers von der bundespolitischen Bühne ein. Seit Lafontaine im Herbst erst den Fraktionsvorsitz im Bundestag abgab und im Zuge seiner Krebsoperation gleich seine gesamte Zukunft offenließ, herrscht mächtige Unruhe in der Partei. Eine Debatte über die Nachfolge des lange als allmächtig geltenden Lafontaine kam in Gang.

Das Verhältnis von Lafontaine und Bartsch gilt spätestens als zerrüttet, seit sich der Bundesgeschäftsführer offen gegen den Vorschlag des Vorsitzenden wandte, die Doppelspitze in der Partei anders als bislang vorgesehen beizubehalten. Doch in Wahrheit geht es um viel mehr als die Zahl der Führungsposten: Denn der aus dem Osten stammende Bartsch steht für die alte PDS, die auf einen Reformkurs und Regierungsbündnisse mit der SPD setzt. Lafontaine hingegen fährt mit Unterstützung der radikaleren Genossen aus dem Westen eine harte Oppositionslinie und betrachtet die Regierungsbeteiligungen seiner Partei mit Misstrauen.

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