Ludwig Erhard sah sich als Anwalt der kleinen Leute. Als Wirtschaftsminister blickte er auf eine großartige Bilanz.

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Ludwig Erhard mit seiner berühmten Zigarre. Als Kanzler von 1963 bis 1966 hatte er keine glückliche Hand.

Ludwig Erhard mit seiner berühmten Zigarre. Als Kanzler von 1963 bis 1966 hatte er keine glückliche Hand.

Ludwig Erhard mit seiner berühmten Zigarre. Als Kanzler von 1963 bis 1966 hatte er keine glückliche Hand.

Düsseldorf. Heiner Geißler war 1977 Generalsekretär der CDU, als er Ludwig Erhard eine Gästeliste vorlegte. Der Altkanzler wurde 80, und das sollte gebührend gefeiert werden. Erhard schaute sich die Liste an, sagte kein Wort, griff nach seinem Füllfederhalter und strich die Namen jener Präsidiumsmitglieder, die dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) angehörten.

Geißler erzählt diese Geschichte gerne, weil sie zeigt, dass Erhard ganz gewiss kein Vorzeige-Kapitalist war. Im Gegenteil: Sein Konzept der sozialen Marktwirtschaft zielte immer zuerst auf die kleinen Leute. Deren Wohlergehen lag ihm am Herzen, nicht das der Großunternehmer - zumal die Herren vom BDI im Jahr 1957 Erhards Kartellgesetz erheblich verwässert und ihm damit eine seiner wenigen politischen Niederlagen beigebracht hatten.

Trotz seines Professorentitels gab sich Erhard, der von 1949 bis 1963 Bundeswirtschaftsminister war, stets besonders volksnah. Das missfiel "dem Alten" sehr. Denn Konrad Adenauer selbst war eher der kühle Typ: distanziert, reserviert. Der Kanzler ließ öfter durchblicken, dass er von Erhard nicht viel hielt, und versuchte, den Wirtschaftsfachmann als seinen Nachfolger zu verhindern. Ohne Erfolg.

Erfolg - das könnte die kurze Überschrift für Erhards Wirken sein. Er war überzeugt davon, dass der Staat einen Ordnungsrahmen für eine ansonsten freie Wirtschaft schaffen muss, die einen fairen Wettbewerb aller Wirtschaftssubjekte ermöglicht. Das war ein klarer, rationaler Ansatz, der prächtig funktionierte. Bald schon rauchten in der jungen Bundesrepublik die Schornsteine mit der allgegenwärtigen Zigarre Erhards um die Wette.

Initialzündung dafür war eine größere "Unartigkeit" Erhards noch vor dem Republikstart. Er zeichnete bereits für die Wirtschaftspolitik in den westlichen Besatzungszonen verantwortlich, als er im Juni 1948 - einen Tag vor der Währungsreform - über Rundfunk verkündete, dass Zwangsbewirtschaftung und Preisbindung aufgehoben seien. Sein Vorstoß war mit den Amerikanern nicht abgestimmt. General Lucius D. Clay warf Erhard vor, er habe eigenmächtig Vorschriften der Alliierten verändert. Erhards Antwort darauf fiel ebenso trocken wie kühn aus: "Ich habe sie nicht verändert, ich habe sie abgeschafft."

Das Wort "Wirtschaftswunder", für das Erhard wie kein anderer steht, lehnte er selbst ab. "Es gibt keine Wunder", sagte er. Er bestand darauf, dass das Wirtschaftswachstum Folge seiner Politik war, der Politik der sozialen Marktwirtschaft. Und er musste immer wieder Begehrlichkeiten abwehren, dem Staat Aufgaben zuzuweisen, die diesem nicht zukommen.

Auch hier war der Sozialpolitiker Adenauer eher Gegner als Freund. Das zeigte sich bei der Rentenreform 1957. Adenauer wollte den Generationenvertrag ("Kinder kriegen die Leute sowieso"), Erhard hielt dagegen. Adenauer setzte sich durch. Heute zeigt sich, dass Erhards Bedenken gerechtfertigt waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren fast alle bedeutenden deutschen Politiker überzeugte Sozialisten - bis auf Erhard. Jetzt, da sich die Welt in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg befindet, geht es wieder um mehr Staat und weniger Markt. Ein zweiter Erhard ist nicht in Sicht.

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