Die beiden Balkanstaaten duellieren sich auf juristischer Ebene. Es geht um Milliarden.

Belgrad. Öffentlichkeitswirksam platzierte Serbien seine Völkermord-Klage gegen Kroatien an Silvester. Trotz aller Ratschläge der USA und der EU, wegen der ohnehin großen Spannungen zwischen den Balkanländern darauf zu verzichten, reichte das Land beim Internationalen Gerichtshof (IGH) seine "Gegenklage" ein. Damit soll die laufende Völkermordanklage Kroatiens gegen Serbien abgeschmettert werden. Serbien, dem im Falle eines Schuldspruchs ruinöse Reparationszahlungen drohen, will so aus der Defensive kommen.

Die Reaktion der Bürger fiel überwältigend positiv aus. Trotz des Feiertages schickten Tausende allein dem Belgrader Sender B92 teilweise überschwänglich zustimmende E-Mails. Außenminister Vuk Jeremic, der im abgelaufenen Jahr die Nachbarländer immer wieder mit durch und durch undiplomatischen Äußerungen auf die Palme gebracht hatte, strotzte am ersten Tag des neuen Jahres nur so vor Selbstbewusstsein: "Kein Zweifel, dass Serbien der Führer in der Region ist", sagte er. "Es ist offensichtlich, dass kein einziges Problem in der Region ohne Serbien gelöst werden kann."

Das Kalkül Serbiens ist klar. Staatschef Boris Tadic regte nochmals zu Silvester an, Serbien und Kroatien sollten sich außergerichtlich einigen. Unausgesprochen steht dahinter das Bemühen, die Kriegsverbrechen aller Seiten in den Bürgerkriegen der 90er Jahre gleichzusetzen. Doch selbst serbische Friedensgruppen lehnen das ab, weil ihr Land wegen der zunächst übermächtigen Militärmaschinerie deutlich mehr Verbrechen verübt hatte.

Serbien hofft offensichtlich mit seiner "Gegenklage", Kroatien zu bewegen, seinerseits die Klage fallen zu lassen. Serbische Zeitungen haben bereits spekuliert, der wahrscheinlich neue kroatische Staatschef Ivo Josipovic, der als Juraprofessor an der Vorbereitung der IGH-Klage seines Landes mitgearbeitet hatte, sei für einen Rückzieher seines Landes. Das dementierte Josipovic jedoch sofort.

Sollte der Schachzug Serbiens aufgehen, mit seiner "Gegenklage" die kroatische Klage zu Fall zu bringen, droht jedoch noch durch ein anderes Verfahren ähnlicher Ärger. Vor dem UN-Tribunal, ebenfalls in Den Haag, läuft der Prozess gegen den früheren politischen Führer der bosnischen Serben im Bürgerkrieg (1992-1995), Radovan Karadzic. Hier bemüht sich die Anklage nachzuweisen, dass Karadzic auf Anweisung Belgrads handelte.

Kroatien hatte schon 1999 eine Völkermordklage gegen Belgrad eingereicht, die vom IGH im Jahr 2008 angenommen worden war. Darin wird Serbien beschuldigt, mit sogenannten ethnischen Säuberungen und schwersten Kriegsverbrechen Völkermord begangen zu haben. Im Krieg sind nach Zagreber Darstellung wenigstens 20000 Kroaten umgekommen. Ein Urteil steht noch aus. Kroatien werde "die großserbische Aggression" vor Gericht beweisen, so der kroatische Präsident Stipe Mesic. Bei dem Bürgerkrieg sei es "um die Verteidigung des kroatischen Staates und den Sieg über die Aggressionskräfte gegangen".

Die Europäische Gemeinschaft hatte Serbien mehrfach gedrängt, auf die jetzt bekanntgegebene Gegenklage zu verzichten, weil dadurch die ohnehin angespannte Lage zwischen den beiden Nachbarn nochmals verschärft werde. Serbien liegt ohnehin auch mit einigen Nachbarn wie Bosnien und Montenegro über Kreuz.

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