In vielen Städten Deutschlands - wie hier im Erstaufnahmelager Ingelheim - sind Flüchtlinge willkommen.
In vielen Städten Deutschlands - wie hier im Erstaufnahmelager Ingelheim - sind Flüchtlinge willkommen.

In vielen Städten Deutschlands - wie hier im Erstaufnahmelager Ingelheim - sind Flüchtlinge willkommen.

Arne Dedert

In vielen Städten Deutschlands - wie hier im Erstaufnahmelager Ingelheim - sind Flüchtlinge willkommen.

Berlin. Sie sagen, die Bilder vom Syrien-Krieg seien unerträglich gewesen, und dass man doch etwas habe tun müssen. Und deshalb hätten sie im Herbst 2014 im Gemeinderat von Münster-Sarmsheim eben einen Beschluss erwirkt, er fiel einstimmig. „Die Menschen, die Krieg und Vertreibung, Armut und Elend aus ihren Heimatländern in unser Dorf geführt haben, sollen sich hier willkommen fühlen.“ Das Problem: Damals gab es in dem 3000-Seelen-Ort bei Bingen noch keine Flüchtlinge. Der Beschluss war die Aufforderung an die Verantwortlichen im Kreis: schickt uns auch welche.

Jetzt sind es zehn, zur Hälfte Syrer. Die 20 „Flüchtlingslotsen“ der Bürgerinitiative haben ihnen Wohnungen beschafft und mit Spendenmöbeln eingerichtet, geben Deutschunterricht, besorgen Arzttermine und helfen gegenüber den Behörden. Nur das Grillfest mitten im Ramadan war keine so gute Idee, die Flüchtlinge aßen nichts.

Landrat Claus Schick amtiert schon sehr lange im Landkreis Mainz-Bingen und erinnert sich: „In den 90er Jahren, während der Balkankriege, hatten wir hier nicht so eine Willkommenskultur.“ Erklärungen dafür hat er nicht. Vielleicht, dass die Politik nicht so negative Signale sendet, wie damals mit den vielen Abschiebungen.

Vielleicht sind die Ansichten über Flüchtlinge jetzt auch einfach offener, mitfühlender. Er jedenfalls hat durchgesetzt, dass jeder Asylbewerber die Deutschkurse der Kreisvolkshochschule besuchen kann – gratis inklusive der Anfahrt. 482 der 1085 Asylbewerber im Landkreis nehmen da­ran teil. Die Region will, das merkt man, die Flüchtlinge am liebsten für immer behalten.

Dass die Bürger enorm hilfsbereit seien, erzählen die Verantwortlichen überall hier im Westen, und das ist eben etwas total anderes als die Bilder von Attacken gegen Flüchtlingsheime, die nicht nur, aber überwiegend aus dem Osten kommen. Ohne Ehrenamtliche wäre der Ansturm kaum zu bewältigen.

Manchmal ist das Engagement auch ganz persönlich. Zum Beispiel bei Bettina Bilstein, die sich wie 79 andere in Wuppertal bei der Diakonie als Vormund für unbegleitete jugendliche Flüchtlinge gemeldet hat. Sechs bis acht Stunden Arbeit ist das pro Woche, und der junge Mann aus Guinea ist, obwohl er nicht bei ihr wohnt, „schon wie ein zusätzliches Familienmitglied.“ Bilstein macht das, „weil meine Kinder auch mal im Ausland waren und dort Unterstützung bekamen“. Sie kann sich vorstellen, wie das ist als Jugendlicher, allein in der Fremde.

In Ingelheim steht eines von zwei Erstaufnahmelagern des Landes Rheinland-Pfalz. Überall hängt Wäsche an den Zäunen, Kinder spielen barfuß auf den Wegen. Das Heim hat eigentlich 500 Plätze, sechs Betten je Zimmer. Genau 800 Flüchtlinge sind am Morgen gezählt worden, das Lager ist überfüllt. Die Kleiderkammer auch, Spenden der Ingelheimer. Zwei Rentner aus der Stadt versuchen, die Berge zu sortieren. Im Moment fehlen kleine Größen für Männer.

Kriegsflüchtlinge haben nun einmal nicht die deutschen Umfänge. Ein entsprechender Hinweis für die Spender hängt nun draußen an der Pforte. Er wünsche sich, sagt einer der Rentner, dass nicht so negativ über die Flüchtlinge berichtet werde.

Ingelheim zählt 24 000 Einwohnerund beherbergt 1200 Flüchtlinge Am Großmarkt der Stadt steht zusätzlich ein provisorisches Zeltlager für die Erstaufnahme, das auf 300 Plätze aufgestockt werden soll, weil der Zustrom nicht aufhört. Außerdem hat die Stadt 100 Asylbewerber für den regulären Aufenthalt bis zur Entscheidung zugewiesen bekommen. Ingelheim hat 24000 Einwohner und beherbergt derzeit 1200 Flüchtlinge. Zum Vergleich: Freital in Sachsen, wo es Unruhen gibt, weil dort 200 Asylbewerber zur Erstaufnahme unterkommen sollen, ist fast doppelt so groß.

Mitunter schießen die Helfer über das Ziel hinaus. In der psychosozialen Beratungsstelle der Caritas in Mayen schimpft Ruth Fischer über Hobby-Psychologen. Hier werden traumatisierte Flüchtlinge betreut. Dass Gymnasiasten Deutschunterricht geben, andere Bürger als Flüchtlingspaten arbeiten oder zum „Erholungswochenende“ ins Grüne einladen, gut und schön. Aber dass welche glauben, die Traumatisierten selbst therapieren zu können, das geht zu weit. „Es gibt auch so etwas wie Retraumatisierung“, sagt Fischer. Einen, der meinte, eine Frau aus Syrien heilen zu können, indem er sie mit bohrenden Nachfragen über ihre Kriegserlebnisse immer wieder an den Rand des Zusammenbruchs brachte, haben sie rausgeworfen.

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