Islamische Gesellschaften sind nicht per se vom Hass auf Juden geprägt, sagt der Wissenschaftler Wolfgang Benz. Aber es gibt ihn dennoch.

Bei vielen Pro-Paläestina-Demonstrationen wie hier in Berlin sind israelkritische, aber teilweise auch antisemitische Plakate zu sehen.
Bei vielen Pro-Paläestina-Demonstrationen wie hier in Berlin sind israelkritische, aber teilweise auch antisemitische Plakate zu sehen.

Bei vielen Pro-Paläestina-Demonstrationen wie hier in Berlin sind israelkritische, aber teilweise auch antisemitische Plakate zu sehen.

Wolfgang Benz

dpa, Bild 1 von 2

Bei vielen Pro-Paläestina-Demonstrationen wie hier in Berlin sind israelkritische, aber teilweise auch antisemitische Plakate zu sehen.

Berlin. Wenn es um die wissenschaftliche Beurteilung von Judenhass geht, gehört der Historiker Wolfgang Benz (73) in Deutschland zu den wichtigsten Experten. Im Interview mit unserer Zeitung erläutert er, woher der Antisemitismus kommt.

Herr Benz, was ist das eigentlich, Antisemitismus?

Wolfgang Benz: Die Feindschaft gegen Juden, weil sie Juden sind. Den Begriff gibt es seit 1879. Damals kamen einige Wirrköpfe auf die Idee, für die zuvor schon vorhandene Abneigung gegen Juden eine wissenschaftliche Begründung zu entwickeln, mit einer rassistischen Komponente. Tenor: Der Jude ist durch und durch schlecht, aufgrund von körperlichen Eigenschaften und seines Blutes, und das kann durch nichts verändert werden.

Wie viele Antisemiten gibt es in Deutschland?

Benz: Alle Umfragen ergeben regelmäßig, dass 15 bis 20 Prozent der Deutschen eine negative Einstellung gegenüber Juden haben. Das bedeutet nicht, dass sie fanatische Antisemiten sind. Aber das ist der eine oder andere ererbte Vorverhalt. Die Zahl der Hardcore-Antisemiten, die mit Schaum vor dem Mund den Juden bekämpfen, verjagen oder vernichten wollen, ist hier in Deutschland ganz gering.

Der heute 73-jährige Historiker Wolfgang Benz lehrte bis zum Jahr 2011 an der Technischen Universität Berlin und war dort von 1990 bis 2011 Direktor des Zentrums für Anitsemitismusforschung (ZfA). 2012 erhielt er den Preis Gegen Vergessen – Für Demokratie für seine Verdienste „für die Erinnerungskultur in Deutschland und sein gesellschaftliches Engagement gegen Vorurteile und gegen Fremdenfeindlichkeit“. Benz hat zahlreiche Bücher verfasst („Geschichte des Dritten Reichs“, „Der Holocaust“, „Deutsche Juden im 20. Jahrhundert“). Er ist Mitglied im Pen-Zentrum Deutschland.

Hat sich der Antisemitismus in Deutschland im Lauf der letzten Jahre verändert?

Benz: Da gibt es überhaupt keinen Unterschied. Genauso wenig wie es ein lawinenartiges Anwachsen gibt. Was aber tatsächlich neu ist: Die Stimmung gegenüber Israel wird immer schlechter. Manche Antisemiten glauben, jetzt ein Ventil gefunden zu haben: Denn Kritik an Israel ist eben nicht verpönt – wenn sie sich in normalen Bahnen bewegt, ist sie legitim. Da hängen sich Antisemiten jetzt dran.

Gibt es durch die Einwanderung in Deutschland eine andere Judenfeindlichkeit?

Benz: Nein, im Unterschied zu Frankreich. Klar: Es gibt einen muslimischen Antisemitismus. Aber das ist zu beträchtlichem Teil ein Import aus Europa. Ursprünglich sind die islamischen Gesellschaften nicht rassistisch oder antisemitisch. Das haben sie von den Deutschen, den Franzosen, den Österreichern gelernt. Und die deutschen Muslime sind per saldo sehr viel weniger anfällig als zum Beispiel die Muslime in Frankreich. Hier sind das überwiegend Türken, die ein entspannteres Verhältnis zu Israel haben.

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