Der nächste Abgas-Skandal: Halter schalten Filter aus. Der Tüv-Chef wirft der Bundesregierung Tatenlosigkeit vor. Eine Kontrolle wäre möglich.

Diesel
Symbolbild.

Symbolbild.

Hendrik Schmidt

Symbolbild.

Düsseldorf. Tüv-Verbandschef Joachim Bühler schlägt Alarm: Schätzungsweise bis zu 4,5 Millionen Fahrzeuge in Deutschland werden so manipuliert, dass sie deutlich mehr Abgase ausstoßen als erlaubt. Diesmal stehen nicht die Autobauer im Fokus, sondern die Fahrzeughalter.

„Das Problem ist seit Jahren bekannt“, sagt Bühler, Geschäftsführer beim Verband der Technischen Überwachungsvereine, im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber der Gesetzgeber hat immer noch nicht ausreichend reagiert. Die Wiedereinführung der Abgasmessung am Auspuff ab 1. Januar 2018 ist nur ein erster Schritt. Dabei wären umfassende Kontrollen technisch durchaus möglich.“

Was in Garagen und Werkstätten geschieht, ist so einfach wie illegal. Für ein paar Euro gibt es im Internet sogenannte Adblue-Emulatoren. Mit diesen Geräten lässt sich die Abgasreinigung abschalten. Der Halter spart den teuren Harnstoff Adblue, steigert die Motorleistung und reduziert den Dieselverbrauch. Gleichzeitig steigt der Schadstoffausstoß extrem an.

Abgasuntersuchung: Stickoxide werden nicht gemessen

Firmen bieten den Haltern zudem an, die Software der Motorsteuergeräte so zu ändern, dass die Abgasrückführung ausgeschaltet wird. Oder sie werben damit, den Diesel-Partikelfilter zu deaktivieren. Die Händler und Werkstätten weisen bei ihren Angeboten darauf hin, dass die Manipulationen in der EU verboten sind. Sie raten deshalb, die Fahrzeuge nur noch auf privatem Grund zu nutzen. Doch dieser Hinweis dient nur der rechtlichen Absicherung der Firmen und wird offensichtlich nicht ernst genommen.
Der Tüv darf bei der verpflichtenden Abgasuntersuchung (AU) nicht prüfen, ob die Motor-Software manipuliert wurde. „Technisch wären wir dazu in der Lage, aber die Politik muss entsprechende Vorgaben machen und die gibt es bei der Softwareprüfung nicht“, sagt Bühler.

Derzeit werden bei der AU lediglich Kohlenmonoxid (Benziner) und der Rauchgastrübungswert (Diesel) gemessen. Die Kontrolle der Partikelzahl beim Diesel ist erst ab 2021 vorgesehen. Und eine Überprüfung der Stickoxid-Werte beim Tüv ist bislang überhaupt nicht geplant. Dabei stehen überhöhte Stickoxid-Emissionen im Zentrum des Abgas-Skandals. Sie könnten sogar zu Fahrverboten in zahlreichen Städten führen.

Mehrere nationale und internationale Vergleichsstudien belegen nach Tüv-Angaben, dass die Abgasuntersuchung in der jetzigen Form nicht geeignet ist, Fehler aufzudecken. Der Tüv fordert deshalb eine rasche Ausweitung auf Stickoxide und Rußpartikel. Zudem sollten die Grenzwerte verschärft werden.

Haupt- und Abgasuntersuchung kosten beim Tüv Rheinland derzeit 97 Euro.

Bühler fordert eine Abgasuntersuchung, die bei Dieselautos sowohl Stickoxide als auch Rußpartikelanzahl überprüft. Benziner mit Direkteinspritzung sollten nach Ansicht des Tüv-Verbandschefs ebenfalls kontrolliert werden, weil bei ihnen ein hoher Schadstoff-Ausstoß festgestellt wurde.

Ob und wie das Bundesverkehrsministerium auf den neuen Abgas-Skandal reagiert, ist offen. Eine entsprechende Anfrage unserer Zeitung blieb am Donnerstag unbeantwortet.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer