Joachim Gauck und Frank-Walter Steinmeier
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Britta Pedersen

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Berlin. Hinter der "fetten Henne", wie der Bundesadler seit Bonner Zeiten liebevoll genannt wird, stehen die Wahlkabinen. 16 sind es, in gediegenem grau. Ein kleines Lämpchen innen soll Erleuchtung bringen, damit jeder der 1260 Delegierten der Bundesversammlung an diesem Sonntag sieht, wo er sein Kreuzchen machen kann. Es ist angerichtet: Berlin erwartet die Bundesversammlung, die Umbauarbeiten im Reichstag sind abgeschlossen. Das erste politische Großereignis des Jahres kann beginnen.

Auf jedem Platz im extra neu bestuhlten Plenarsaal klebt ein kleiner Zettel für die in der Versammlung vertretenen Parteien. Orange für SPD, weiß für die Union, gelb für die Liberalen oder blau für die AfD. Damit die Mitglieder aus dem Bundestag, den Landtagen sowie die von den Parteien entsandten Prominenten wissen, wo sie sich hinzusetzen haben.

Schauspielerin Iris Berben ist dabei, Bundestrainer Jogi Löw, der Sänger Peter Maffay oder Komödiant Hape Kerkeling. In der Lobby haben die großen TV-Anstalten ihre Mini-Studios aufgebaut, der internationale Andrang ist groß. Hier wird interviewt und analysiert werden.

"1 S014" heißt der Empfangsraum auf der Plenarsaalebene, in den sich der frühere Außenminister Frank-Walter Steinmeier samt Familie und Freunden zurückziehen kann, wenn nach der Eröffnung der Bundesversammlung (12 Uhr) durch Bundestagspräsident Norbert Lammert der erste Wahlgang beginnt. Drei Stunden dürfte es etwa dauern, bis alle Wahlleute in alphabetischer Reihenfolge aufgerufen worden sind und das Ergebnis ausgezählt ist. Nebenan befindet sich der Andachtsraum, die kleine Kapelle im Reichstag. Vor fünf Jahren zog sich Joachim Gauck nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten dorthin kurz zurück, um sich zu sammeln. Ob der in der evangelischen Kirche aktive Steinmeier es genauso halten wird, ist offen. Dass der Sozialdemokrat, der seine Parteimitgliedschaft dann ruhen lässt, im ersten Wahlgang gewählt werden wird, steht außer Frage. Union, SPD und FDP wollen für ihn stimmen, zu einem großen Teil auch die Grünen. Möglich ist allerdings, dass es Abweichler im Lager der Regierungskoalition gibt. Vor allem aus der Union hieß es zuletzt, dass der Ärger bei manchem über einen fehlenden eigenen Kandidaten noch nicht verraucht sei.

Wenn man so will, dann beginnt die Bundesversammlung allerdings schon an diesem Samstag. Es gibt unter der Reichstagskuppel die ersten Fraktionssitzungen mit Zählappell, der am Sonntagmorgen noch einmal wiederholt wird. Auch FDP, Piraten, AfD und Freie Wähler haben dafür Tagungsräume zugeteilt bekommen. Für die Liberalen ein unverhofftes Wiedersehen mit dem Reichstagsgebäude nach ihrem Rauswurf aus dem Bundestag bei der Wahl 2013. Abends laden die Parteien ihre Delegierten dann zu Empfängen ein. Die Union beispielsweise in ein großes Hotel, die SPD in eine Location im Berliner Westhafen. "Familientreffen" werden diese Feste genannt, weil Bundestags- und Landtagsabgeordnete sich ohne Beratungsdruck treffen können - anders als auf Parteitagen. Es wird getuschelt, sich kennengelernt, auf den Kandidaten eingeschworen. Neben Steinmeier gehen für die Linke der Armutsforscher Christoph Butterwegge, für die AfD Parteivize Albrecht Glaser, für die Freien Wähler Richter Alexander Hold und für die Piraten Engelbert Sonneborn, Vater des Satirikers Martin Sonneborn, ins Rennen. Eine Chance haben alle vier nicht.

Rund um den Reichstag sind aus Sicherheitsgründen die Zufahrtstraßen bereits seit Freitag für den öffentlichen Verkehr gesperrt. Wer will, kann sich auch draußen über die Präsidentenwahl auf dem Laufenden halten: Die ARD veranstaltet vor dem Reichstag ein Public Viewing - und sendet fünf Stunden live.

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