Schlafforscher Ingo Fietze erklärt, wie bei einem Verhandlungsmarathon die Konzentration leidet.

Schnarchen sägt an den Nerven - und kann gefährlich werden
Schlafforscher ingo Fietze: „es hat noch niemand geschafft, mit weniger Schlaf auszukommen.“ Foto: dpa

Schlafforscher ingo Fietze: „es hat noch niemand geschafft, mit weniger Schlaf auszukommen.“ Foto: dpa

Illing & Vossbeck Fotografie

Schlafforscher ingo Fietze: „es hat noch niemand geschafft, mit weniger Schlaf auszukommen.“ Foto: dpa

Berlin. Mehr als 24 Stunden haben die Politiker von Union und SPD zuletzt sondiert. Geht das überhaupt? Ingo Fietze ist Professor an der Berliner Charité. Er leitet dort das Schlafmedizinische Zentrum. Eine solche Marathon-Verhandlung lässt sich kaum durchhalten, sagt der Schlafforscher im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Professor Fietze, kann man bei mehr als 24 Stunden Verhandlungen noch klar denken?

Ingo Fietze: Nein. Wenn man 24 Stunden wach ist, fehlen acht Stunden Schlaf. Dann leiden Gedächtnis, Geschicklichkeit, Konzentration und Reaktionszeit. Eben das Gehirn.

Dann müsste das Sondierungsergebnis von Union und SPD doch viel Murks enthalten, oder?

Fietze: Das will ich nicht bewerten. Aber man kann es so sagen: Alle vier Stunden haben wir ein geistiges Hoch. Man sitzt also nicht die ganze Nacht wie im Nebel. Wenn alle zur selben Zeit ein solches Hoch haben, müssten eigentlich genau in diesen Momenten die wichtigen Entscheidungen fallen. Das ist aber nur graue Theorie, da jeder biorhythmisch ein bisschen anders tickt. Unter dem Strich wird aber wahrscheinlich im Laufe der Nacht die Kompromissbereitschaft größer.

CHArité Ingo Fietze leitet seit 2005 das interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum der Klinik für Kardiologie und Angiologie an der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Professor Fietze ist Vorsitzender der Deutschen Stiftung Schlaf und in zahlreichen Fachgesellschaften

Gibt es Tricks, wie man bei solchen Verhandlungen gegen die Müdigkeit ankämpfen kann?

Fietze: Als Politiker kann man natürlich darauf setzen, dass die andere Seite müde wird, um dann selber mehr durchzusetzen. Ich würde in den Pausen, die es ja auch gibt, fünf bis zehn Minuten die Augen zumachen. Das wäre klug. Dann ist man die nächsten zwei Stunden wieder eindeutig fitter. Ansonsten gibt es außer hellem Licht und koffeinhaltigen Getränken keine Tricks.

Gerade Politiker behaupten gerne, dass sie mit wenig Schlaf auskommen. Kann das sein?

Fietze: Das ist ein Mythos. Angeborene Kurzschläfer gibt es nur ganz wenige. Außerdem würde das ja bedeuten, dass ein Mensch, der dauerhaft weniger als sechs Stunden schläft, und das ist für uns Schlafmediziner wenig, dies auch am Wochenende oder im Urlaub macht. Und dass er die restlichen 18 Stunden fit ist. Das geht nicht. Irgendwann muss der fehlende Schlaf nachgeholt werden.

Kann man es denn zumindest trainieren, mit sehr wenig Schlaf auszukommen?

Fietze: Das hat noch keiner geschafft. Man kann aus einem Normalschläfer auch keinen Lang- oder Kurzschläfer machen. Die benötigte Schlafzeit lässt sich nicht wirklich manipulieren.

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