Sie hatte immer einen eigenen Kopf, und auch in ihrer CDU war Rita Süssmuth nicht nur beliebt. Mit Helmut Kohl legte sie sich offen an. Geschadet hat es ihr am Ende nicht. Zu ihrem runden Geburtstag wird die frühere Ministerin und Bundestagspräsidentin gefeiert.

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1995 - Rita Süßmuth in der Abschlussdebatte des Bundestags über die neugefassten Paragraphen 218 und 219 des Strafgesetzbuches (StGB), die das Abtreibungsrecht neu regeln sollen.

1995 - Rita Süßmuth in der Abschlussdebatte des Bundestags über die neugefassten Paragraphen 218 und 219 des Strafgesetzbuches (StGB), die das Abtreibungsrecht neu regeln sollen.

Martin Gerten

1995 - Rita Süßmuth in der Abschlussdebatte des Bundestags über die neugefassten Paragraphen 218 und 219 des Strafgesetzbuches (StGB), die das Abtreibungsrecht neu regeln sollen.

Berlin. Rita Süssmuth war schon Mitte 40 und seit zehn Jahren Professorin für Erziehungswissenschaft, als sie 1981 in die CDU eintrat. Wenige Jahre später machte Kanzler Helmut Kohl sie zur Ministerin, seit 1986 hieß ihr Haus „Ministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit“. Damit war sie die erste Frauenministerin der Republik. Mit dem Etikett einer katholischen Feministin konnte sie sich anfreunden. An diesem Freitag wird Rita Süssmuth 80 Jahre alt.

Die in Wuppertal geborene Christdemokratin hat die Ära Kohl mitgeprägt, obwohl sie manche Kontroverse mit dem Kanzler hatte. Als Ministerin setzte sich die Mutter einer Tochter für die Wahlfreiheit zwischen Familie und Beruf ein. Das Erziehungsgeld wurde eingeführt und ein Babyjahr in der Rentenversicherung. Sie trat für ein liberaleres Abtreibungsrecht ein und für eine Legalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Alles Positionen, mit denen sie in der Union damals klar in der Minderheit war.

„Wir ernten heute die Früchte ihrer Arbeit als Wegbereiterin für ein modernes Frauenbild“, betont die Frauen Union der CDU zu Süssmuths Geburtstag. Und SPD-Bundesratspräsidentin Malu Dreyer schreibt: „Ihre modernen frauen- und familienpolitischen Ansichten stießen zu jener Zeit oft auf Widerstand, der sie jedoch nicht davon abhielt, ihre Vorhaben unermüdlich voranzutreiben.“

Als Süssmuth 1988 Bundestagspräsidentin wurde, hieß es, Kohl habe die ihm unbequeme Ministerin weggelobt. Ein Jahr später gehörte sie auf dem Bremer Parteitag zu denen, die Kohl den CDU-Vorsitz streitig machten - und scheiterten. Sie blieb dennoch bis 1998 in ihrem hohen Amt und verantwortete den Umzug des Parlaments nach Berlin, obwohl sie für Bonn als Hauptstadt gestimmt hatte. Die spektakuläre Glaskuppel des Reichstags soll sie gegen den Widerstand des Architekten Norman Foster durchgesetzt haben.

Als SPD-Kanzler Gerhard Schröder sie 2000 zur Vorsitzenden der neuen Zuwanderungskommission machte, gefiel das auch nicht jedem in ihrer Partei. Aber Süssmuth hatte damit ein neues Thema gefunden, dem sie auch nach dem Ausscheiden aus dem Bundestag 2002 treu blieb. Als sich die Flüchtlingskrise im Sommer 2015 zuspitzte, sagte sie der „Süddeutschen Zeitung“: „Wir brauchen eine geordnete Einwanderung. Schaffen wir das? Oder wird die Zahl der brennenden Heime zunehmen?“

Und noch einer Aufgabe hat sich Süssmuth viele Jahre lang und bis heute gewidmet. Die deutsche Aids-Stiftung würdigt sie zu ihrem Geburtstag als „unermüdliche Kämpferin für Menschen mit HIV und Aids“. Seit den 80er Jahren setzte sie sich für einen menschlichen Umgang mit HIV-Infizierten ein. „Die Krankheit bekämpfen und nicht die Kranken“ war ihre Forderung.

Auch bei Parteifreunden war Süssmuth nicht nur beliebt, bei Gegnern sowieso nicht. Der SPD-Politiker Peter Glotz nannte sie einmal „ätzend konsequent“. Auch das empfand sie nicht als abwertend. An diesem Freitag feiert die Konrad-Adenauer-Stiftung Süssmuth mit einem Symposium zum Thema „Europa im Umbruch“. Die Festrede hält Bundestagpräsident Norbert Lammert.

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