Papst in Freiburg
Vier Tage war der Papst in Deutschland. Mit Hunderttausenden hat er Gottesdienste gefeiert, aber seine Predigten und Ansprachen hinterlassen viele Fragen. Will Benedikt eine andere Kirche?

Vier Tage war der Papst in Deutschland. Mit Hunderttausenden hat er Gottesdienste gefeiert, aber seine Predigten und Ansprachen hinterlassen viele Fragen. Will Benedikt eine andere Kirche?

Das Freiburger Münster wird als der «schönste Turm der Christenheit» gelobt.

Papst Benedikt XVI. besucht Deutschland als Staatsoberhaupt des Vatikan.

Der Deutschlandbesuch von Papst Benedikt XVI. endet in Freiburg.

Gläubige warten im Morgengrauen auf den Papst.

Viele Menschen hatten sich schon mitten in der Nacht auf den Weg gemacht, um den Papst zu sehen.

Zwei Nonnen warten auf den letzten Auftritt des Papstes

Papst Benedikt XVI. begrüßt die Gläubigen in Freiburg.

Papst Benedikt XVI. hat die katholische Kirche in Deutschland zur Umkehr und Erneuerung aufgerufen.

Auf dem weg zu Messe: Papst Benedikt XVI. und seine Gefolgschaft.

Papst Benedikt XVI. hat die katholische Kirche in Deutschland zur Umkehr und Erneuerung aufgerufen.

Papst Benedikt XVI. spricht in Freiburg.

Papst Benedikt XVI. spricht in Freiburg.

Vor dem Abflug nach Rom wird Papst Benedikt XVI. von Bundespräsident Christian Wulff verabschiedet.

Ein Bild des Papstes, auf dem er den ägyptische Imam Ahmed al-Tajjeb küsst, wurde von Benetton nach Protesten des Vatikans zurückgezogen. Archivfoto: Uli Deck

dpa, Bild 1 von 15

Vier Tage war der Papst in Deutschland. Mit Hunderttausenden hat er Gottesdienste gefeiert, aber seine Predigten und Ansprachen hinterlassen viele Fragen. Will Benedikt eine andere Kirche?

Freiburg/Erfurt (dpa) - Papst Benedikt XVI. hat zum Abschluss seines Deutschlandbesuches eine radikale Neuausrichtung der katholischen Kirche gefordert und die Zusammenarbeit mit dem Staat infrage gestellt.

Die Kirche dürfe sich nicht der Gegenwart anpassen, sondern müsse mehr auf Distanz zur Gesellschaft gehen und sich von der «Weltlichkeit der Welt» lösen, forderte der 84-Jährige am Sonntag in Freiburg. In anderen Reden und Predigten verlangte er am Wochenende von den Gläubigen Treue zu Rom. An die Jugend appellierte der Papst, «glühende Heilige» zu werden.

Es war der dritte Besuch des deutschen Papstes in seiner Heimat und der erste Staatsbesuch in Deutschland. Am Sonntagabend flog er nach Rom zurück.

Vor 1500 engagierten Katholiken betonte Benedikt: «Die von materiellen und politischen Lasten und Privilegien befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein. Sie kann ihre Berufung zum Dienst der Anbetung Gottes und zum Dienst des Nächsten wieder unbefangener leben.»

Welche staatlichen Vorrechte der Papst meinte, sagte er nicht. Zu den Privilegien gehören in Deutschland die staatliche Einziehung der Kirchensteuer, die finanziellen Staatsleistungen an die Kirchen, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen und die theologischen Fakultäten an den Universitäten.

Indirekt ging das Oberhaupt der katholischen Kirche damit auf die Kritik ein, die seine Rede im Bundestag und sein Gespräch mit Verfassungsrichtern ausgelöst hatte. Politiker von SPD, Grünen und der Linkspartei hatten darin einen Verstoß gegen die verfassungsrechtliche Trennung von Kirche und Staat gesehen.

Nach den politisch und ökumenisch brisanten Stationen in Berlin und Erfurt stellte Benedikt in Freiburg vor allem den katholischen Glauben in den Mittelpunkt. 100 000 feierten mit ihm bei strahlendem Sonnenschein einen letzten großen Gottesdienst unter freiem Himmel. «Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen», warnte der Papst.

Bei seiner Rede im Freiburger Konzerthaus beklagte der Papst eine «zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften vom kirchlichen Leben» und betonte: «Umso mehr ist es wieder an der Zeit, die wahre Entweltlichung zu finden, die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.»

Bundespräsident Christian Wulff sagte zum Abschied, der Papst habe mit seinem Deutschlandbesuch viele Menschen beschenkt. «Sie haben auf Ihrer Reise viele Zeichen gesetzt, Orientierung und Maßstäbe vermittelt, die nicht nur bequem sind und die uns allen zu denken geben: den Katholiken und den übrigen Christen genauso wie den Nichtchristen», sagte Wulff.

Bereits am Freitag hatte Benedikt allerdings Hoffnungen auf eine weitere Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten zunichtegemacht. Kritische Laien reagierten tief enttäuscht auf die Ansprachen des Papstes und riefen die Gläubigen zum Ungehorsam auf.

Zum sexuellen Missbrauch vieler Minderjähriger durch Geistliche sagte der Papst in Freiburg: «Gefährlich wird es, wenn diese Skandale an die Stelle des primären Skandalon des Kreuzes treten und ihn dadurch unzugänglich machen, also den eigentlichen christlichen Anspruch hinter der Unbotmäßigkeit ihrer Boten verdecken.»

Außerhalb des offiziellen Programms hatte er am Freitagabend in Erfurt unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit fünf Missbrauchsopfern gesprochen und sich tief betroffen gezeigt. Er unterstrich, den Verantwortlichen in der Kirche sei an einer Aufarbeitung des Missbrauchsskandals gelegen, der 2010 die katholische Kirche in ihren Grundfesten erschütterte. Opferinitiativen bedauerten, dass ihre Vertreter nicht zu dem Treffen eingeladen worden seien. Sie kritisierten die Begegnung als «scheinheilig».

Im Gespräch mit der Spitze des Zentralkomitees der deutschen Katholiken kritisierte der Papst ein Zuviel an katholischen Gremien und Verbänden in Deutschland. «Ehrlicherweise müssen wir doch sagen, dass es bei uns einen Überhang an Strukturen gegenüber dem Geist gibt.»

Die kritische Laienorganisation «Wir sind Kirche» erklärte mit Blick auf die ausgebliebenen Reformsignale des Pontifex, für alle Christen sei es nun «Recht und Pflicht, nicht mehr auf weitere Schritte der Kirchenleitung zu hoffen, sondern dem eigenen Gewissen zu folgen». Benedikt habe bei seiner Begegnung mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland die Chance für einen ökumenischen Fortschritt und andere Reformen verspielt.

Benedikt genoss seinen letzten Auftritt vor einem so großen Publikum in Freiburg sichtlich. Vor dem Gottesdienst mit 100 000 Gläubigen drehte er mit dem Papamobil eine lange Runde über das gesamte Areal, winkte und segnete Kinder.

Vatikan-Sprecher Federico Lombardi zog eine positive Bilanz der Deutschlandreise: «Dem Papst geht es außerordentlich gut. Wir sind etwas erstaunt, wie gut er diese Reise überstanden hat.»

Vier Tage Papst in Deutschland, immer wieder große Emotionen: 29 000 junge Menschen kamen am Samstag zu einer Gebetsvigil mit Benedikt im Abendlicht. Es ertönten «Benedetto»-Rufe, zehntausende Kerzen erleuchteten das Areal. Bei der Papstmesse auf dem Domplatz in Erfurt am Samstagvormittag mit 28 000 Gläubigen herrschte eine ähnlich gute Stimmung. Benedikt lobte die Standfestigkeit der Katholiken in DDR-Zeiten.

Der Papst traf sich am Samstag auch mit Vertretern der Orthodoxen Kirche in Deutschland. «Unter den christlichen Kirchen und Gemeinschaften steht uns die Orthodoxie theologisch am nächsten», betonte er nach Angaben des Vatikans. Dagegen hatte er am Freitag die Hoffnung vieler Protestanten auf mehr Miteinander mit den Katholiken nicht erfüllt.

Bei einer Begegnung mit Helmut Kohl würdigte Benedikt den 81-Jährigen als Kanzler der Einheit.

Es war ein Deutschlandbesuch mit großem Programm - und noch größeren Erwartungen. Als spektakulär und historisch wurden Benedikts Auftritte im Bundestag in Berlin und beim Ökumene-Gipfel in Erfurt gewertet. Allerdings hatten sich viele deutlichere Signale für eine Annäherung zwischen katholischer und evangelischer Kirche gewünscht. Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) warb für mehr Geduld in der Ökumene. Der baden-württembergische Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) zeigte sich hingegen enttäuscht, dass sich der Papst nicht deutlicher zur Ökumene bekannt habe.

Allerdings würdigte Benedikt ausdrücklich das Wirken des Theologen Martin Luther. Der frühere katholische Mönch und spätere Reformator hatte vor knapp 500 Jahren die Kirchenspaltung ausgelöst. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider sprach von einer «faktischen Rehabilitation».

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