Vor nicht einmal einem Jahr war Martin Schulz ohne Gegenstimme zum SPD-Chef gewählt worden. Jetzt steht er mit nichts da.

Nach der Bundestagswahl - SPD
Prozent – Bei der Bundestagswahl am 24. September stürzt die SPD auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ab.

Prozent – Bei der Bundestagswahl am 24. September stürzt die SPD auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ab.

Stefan Sauer

Prozent – Bei der Bundestagswahl am 24. September stürzt die SPD auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ab.

Berlin. Martin Schulz hat seit der Wahl schon viele Bomben gezündet, die meisten davon waren Selbstzerstörer. Am Freitag, 14.14 Uhr, folgte per Mail die wohl letzte in seiner kurzen bundespolitischen Karriere: „Daher erkläre ich hiermit meinen Verzicht auf den Eintritt in die Bundesregierung und hoffe gleichzeitig inständig, dass damit die Personaldebatten innerhalb der SPD beendet sind.“ Die Erklärung markiert das Ende des Möchtegern-Außenministers Martin Schulz. Der einstige Superstar der SPD rückt nun als einfacher Abgeordneter ins Glied.

Es waren Mails wie die Folgende, die dem 62-jährigen Mann aus Würselen politisch das Genick brachen: „Wenn Schulz Außenminister wird und den Parteivorsitz abgibt, dann ist er für mich erledigt – total. Dann ist er nur auf einen Posten aus. Unglaublich.“ Das schrieb ein einfacher Berliner Genosse. Tausende solcher Mitteilungen gingen bei der Partei ein, seit Schulz am Mittwoch nach dem Amt von Sigmar Gabriel gegriffen hatte. Und damit erneut ein Versprechen brach, nach seiner Ankündigung, keine neue Große Koalition zu machen. Nämlich unter keinen Umständen unter Angela Merkel Minister zu werden.

Dass er gleichzeitig auf den Parteivorsitz verzichtete und Andrea Nahles zur Nachfolgerin ausrief, machte die Sache noch schlechter. Denn so enttäuschte er auch noch jene, die auf ihn als Parteichef gesetzt hatten. Im März 2017 bei einem Parteitag sogar mit einem Ergebnis von hundert Prozent. Damals wurden stolz Transparente mit der Aufschrift „Jetzt ist Schulz“ geschwenkt. „Er hat sich gegen die Partei entschieden“, sagte am Freitag ein Abgeordneter aus dem Norden. Jetzt ist Schluss.

Genossen versuchten vergeblich, Schulz vom Verzicht zu überzeugen

In der Führung hatte es schon lange Bedenken gegen Schulz’ Ambitionen auf das Außenamt gegeben; schon vor dem Sonderparteitag im Januar hatte man vergeblich auf ihn eingeredet, seinen Verzicht darauf zu erklären. Umso überzeugender könne er für die Groko werben. Doch Schulz zeigte schon während der Verhandlungen übergroßes Interesse an dem Job. Dass er dafür Sigmar Gabriel opfern musste, nahm er ungerührt hin. Zwischen beiden bestand ohnehin keine Freundschaft mehr.

Schon am Mittwoch in der Bundestagsfraktion wurde Schulz‘ Personalidee mit eisiger Kälte quittiert. Und über die Partei ging ein regelrechter Shitstorm nieder. In der Führung wuchs der Eindruck, dass Schulz‘ Entscheidung womöglich der entscheidende Punkt für das Scheitern der Groko in der anstehenden Urwahl werden könnte. „Das wäre letal für unsere Partei“, so ein führender Genosse. Vor allem aus Nordrhein-Westfalen, dem wichtigsten Landesverband und Schulz‘ Heimatregion, wurde berichtet, dass der Unmut groß sei. Und Druck auf Schulz ausgeübt, bis der einlenkte.

21 Prozent – Das ist der Umfragewert, mit dem Schulz am 24. Januar die SPD von Gabriel übernimmt.

33 Prozent – Dreieinhalb Wochen später, am 18. Februar, erreicht Schulz nach steilem Aufstieg diesen Höchstwert für die SPD. Das Niveau hält die Partei nur kurze Zeit. Dann geht es wieder bergab.

100 Prozent – Schulz wird am 19. März mit diesem Rekordergebnis zum Parteichef gewählt. Ein früher Höhepunkt seiner Amtszeit.

20,5 Prozent – Bei der Bundestagswahl am 24. September stürzt die SPD auf ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte ab.

81,9 Prozent – Am 7. Dezember wird Schulz mit diesem Ergebnis als Parteichef wiedergewählt – das sechstschlechteste Ergebnis bei einer Wahl zum SPD-Vorsitzenden seit 1949. Schulz spricht trotzdem von einem „Vertrauensvorschuss“.

56,4Prozent – So knapp ringt sich die SPD am 21. Januar auf dem Parteitag in Bonn zu Verhandlungen über eine große Koalition durch. In der Parteispitze hatte man auf mindestens 60 Prozent gehofft.

17 Prozent – Nach dem Bonner Parteitag verliert die SPD in den Umfragen weiter: Bei Forsa kommt sie zeitweise nur noch auf 17 Prozent.

26Prozent – Gestern erklärt Schulz seinen Verzicht auf den in einer großen Koalition angestrebten Außenminister- Posten. Aus einer neuen Forsa-Umfrage geht hervor, dass der ursprünglich angestrebte Eintritt von Schulz in die Bundesregierung von nur 26 Prozent der Deutschen unterstützt wurde. Fast drei Viertel (72 Prozent) lehnten diesen ab.

Klar ist, dass das Außenamt trotzdem bei der SPD bleibt. Das ist ausverhandelt. Wer es wird, ist nun hingegen völlig offen und wird wohl erst nach Bekanntgabe der Ergebnisse des Mitgliederentscheides endgültig geklärt. Eine Variante könnte Heiko Maas sein, der bisherige Justizminister. Er sollte eigentlich Arbeit und Soziales machen, doch dafür stünde dem Vernehmen nach auch Hubertus Heil bereit. Der Sprecher der Parteirechten, Johannes Kahrs, warb gegenüber unserer Redaktion für den Verbleib von Amtsinhaber Sigmar Gabriel, der „ein sehr guter Außenminister“ sei. „Alles andere würde ich jetzt nicht mehr verstehen“.

Doch damit stand Kahrs gestern ziemlich allein. Gabriel hat ohnehin nur noch wenige Freunde in der SPD und die letzten wohl am Donnerstagabend vergrault. Da gab er in seiner Wut ein Interview, in dem er Schulz Wortbruch vorwarf, der Parteiführung Stillosigkeit und auch noch persönlich wurde. Seine Tochter habe ihn getröstet, jetzt habe er mehr Zeit, das sei doch „besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“.

Das fand ein prominenter Abgeordneter auf Anfrage „allertiefste Schublade“ und sagte: „Gabriel ist damit endgültig raus“. So denken viele. „Er hätte sein Ego nur einen Tag lang länger unter Kontrolle halten müssen“, hieß es. „Kann er eben nicht.“ Kritisiert wurde auch, dass Gabriel, offenbar aus Trotz, zunächst etliche Außenminister-Termine abgesagt hatte. Für die Opposition war das alles ein gefundenes Fressen. „Die Partei, die die Worte sozial und demokratisch im Namen trägt, zeigt ein kaltes, brutales Gesicht“, sagte Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch unserer Redaktion und ergänzte genüsslich: „So schnell geht es von Hundert auf Null“. Satiriker Martin Sonneborn twitterte: „Ist das noch die SPD oder schon die #Partei “. Die designierte SPD-Chefin Andrea Nahles versuchte gestern mit einer eiligen Erklärung, die Lage etwas zu beruhigen: „Ich gehe davon aus, dass wir uns jetzt voll und ganz auf die inhaltliche Debatte konzentrieren.“ Es klang wie eine flehentliche Bitte.

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