Von Ulrich Hoeck
Vor drei Wochen hat die Historikerin Kristina Spohr Altkanzler Helmut Schmidt privat besucht. Gemeinsam sprachen sie über ihr neues Buch, dass das Wirken des Kanzlers auf eine andere Ebene hebt.
Kristina Spohr mit Helmut Schmidt in seinem Arbeitszimmer.
Kristina Spohr mit Helmut Schmidt in seinem Arbeitszimmer.
Düsseldorf. Wenn Persönlichkeiten der Zeitgeschichte sterben, hält man für gewöhnlich einen Moment inne, bevor man mit einer Flut von mehr oder minder belangvollen Informationen zur Person überrollt wird. Kristina Spohr hat in diesen Tagen besonders viel zu tun, denn sie ist zuständig für die belangvollen Information zum Leben und Wirken von Helmut Schmidt.
Die Professorin an der London School of Economics muss immer wieder Presseanfragen englischsprachiger Publikationen wie dem „Guardian“ oder der „New York Times“ beantworten, die ihre Expertise zu dem Mann haben wollen, über dessen Wirken sie ein Buch geschrieben hat, das gerade in den Druck geht.
Am 15. Oktober, hat sie ihn besucht, durfte in seinem Privatarchiv stöbern, handschriftliche Notizen einsehen. Eine wahre Fundgrube mitsamt fantastischer Bibliothek sei das Archiv, „aber man braucht Muße, Geduld und Sitzfleisch und muss gezielt arbeiten“, sagt die aus Düsseldorf stammende Historikerin.
Zwei Jahre lang hatte sie das Privileg, in Schmidts Privatarchiv zu forschen, diesmal hatte der Altkanzler sich sogar für sie Zeit genommen. „Ich hatte noch ein paar Fragen zu atmosphärischen Dingen und politischen Freundschaften und wie er heute auf die 70er Jahre zurückblickt“, sagt sie.
Eine sehr menschliche Begegnung - bei Kaffee und Mentholzigaretten
Auch für sie war ein Treffen mit Helmut Schmidt nichts alltägliches. „Vielleicht hatte ich einfach Glück“, sagt sie. „Ich hatte den Mut zu fragen, er war bereit, sich mit mir zu unterhalten.“ Vielleicht hat ihr dabei aber auch geholfen, dass ihr Buch den Versuch unternimmt, Schmidts Wirken auf eine andere Ebene zu heben. Denn bislang liegt der Fokus vor allem in Deutschland eher auf dem Realpolitiker, dem Macher und Krisenmanager Schmidt.
ist Geschichtsprofessorin an der London School of Economics. Sie forscht unter anderem zur Deutschen Geschichte im internationalen Kontext, den Ost-Westbeziehungen und dem Kalten Krieg. Die gebürtige Düsseldorferin hat nach dem Abitur am Luisen-Gymnasium an der University of East Anglia, Sciences Po, Paris und an der Universität von Cambridge studiert.
Ihr Buch über Helmut Schmidt
erscheint im März 2016 auf Englisch. Es ist bereits jetzt beim Verlag Oxford University Press zu bestellen. Auch eine deutsche Ausgabe ist geplant.
„Ich sehe ihn als konzeptionellen Denker mit Blick auf die weltpolitischen Probleme und einen Staatsmann, der seine Visionen auch umsetzen konnte. Schmidt war ein 'globaler Kanzler’, der internationale Politik gestaltete, und der es vermochte, die Bundesrepublik auf der Weltbühne zu einer gewichtigen politischen Macht zu etablieren“, sagt sie. Auch für die Politik von Helmut Kohl während der Wendezeit 89/90 sei dies keine schlechte Basis gewesen.
„Er hat sich für meine Interpretationen und meine Fragen interessiert, und so saßen wir uns gegenüber in seinem Büro, an seinem Schreibtisch zu Hause und unterhielten uns bei Kaffee - und er mit Mentholzigaretten - über die Schlussfolgerungen, die ich in meinen Buch gezogen habe – eine wunderbare und sehr menschliche Begegnung.“
Auch wenn er ein großer Staatsmann war, den viele als knorrig und autoritär in Erinnerung behalten werden – wenn man sein Vertrauen gewonnen hatte, wurde es auch persönlich. „Bei unserem letzten Gespräch, als wir uns über Musik und Politik unterhielten, hatte ich einfach das Gefühl, dass ich den Menschen Schmidt begriffen habe – wo seine Leidenschaften liegen, was ihn weniger interessiert“, sagt Spohr.
Bei dem „langen, klaren Gespräch“, das die beiden führten, kam auch sein bisweilen herber Humor noch einmal zum Vorschein. 1966, mitten im Kalten Krieg, bricht Schmidt zu einer Moskau-Reise auf und sieht die großen wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes. Den wirklichen Zustand der Supermacht macht ihm aber ein drängendes Grundproblem deutlich: das „der kaputten sowjetischen Lokusse.“
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