Grünen-Chef Cem Özdemir spricht in Hamburg. Foto: Axel Heimken
Grünen-Chef Cem Özdemir spricht in Hamburg. Foto: Axel Heimken

Grünen-Chef Cem Özdemir spricht in Hamburg. Foto: Axel Heimken

dpa

Grünen-Chef Cem Özdemir spricht in Hamburg. Foto: Axel Heimken

Berlin. Der Grünen-Chef Cem Özdemir warnt vor einer Instrumentalisierung der Pariser Terrorattacke. Wer jetzt mit Ausgrenzung oder Gewalt reagiere, spiele den Attentätern in die Hände, so Özdemir im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Özdemir, sind die Ereignisse von Paris Wasser auf die Mühlen von Pegida und AfD?

Warum die Satire alles dürfen sollte

Der Zufall will es, dass am Freitag der 125. Geburtstag von Kurt Tucholsky ist. Des deutschen Journalisten und Schriftstellers also, der 1919 unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel im Berliner Tageblatt auf die Überschrift und Frage seines Artikels „Was darf die Satire?“ die Antwort gab: „Alles. mehr

Cem Özdemir: Es geht jetzt um Solidarität mit Frankreich, aber auch um Solidarität mit allen mutigen Journalisten und Karikaturisten weltweit. Pegida spricht selber von Lügenpresse und wendet sich damit gegen Toleranz, gegen Weltoffenheit, gegen europäische Werte. Ich finde es abenteuerlich, dass Pegida im Schlepptau mit der AfD jetzt behauptet, genau diese Werte verteidigen zu wollen.

Wie kann man eine Instrumentalisierung verhindern?

Özdemir: Indem wir deutlich machen, dass es um die Verteidigung von Meinungsfreiheit, von Bürgerrechten und Demokratie gegen jeglichen Fundamentalismus geht. Das ist das, was das europäische Abendland groß und stark gemacht hat. Ich kann mich ärgern, ich kann mich verletzt fühlen von Karikaturen, aber ich muss sie auch in Gottesnamen aushalten. Wer damit ein Problem hat, hat ein Problem mit demokratischen Werten und Europa. Zweitens müssen wir deutlich machen: Die Trennlinie ist nicht die Religion. Sondern es ist die Intoleranz. Auch Muslime sind schockiert und teilen die Trauer und die Wut. Sie sind ja oft genug selbst Opfer von Gewalt durch Fundamentalisten.

In Frankreich hat es jetzt Anschläge auf muslimische Einrichtungen gegeben. Fürchten Sie hierzulande um die Sicherheit der Muslime?

Özdemir: Solche Dinge geschehen ja auch schon bei uns. Das genau wollen die Attentäter aber: Sie wollen, dass mit Ausgrenzung oder gar Gewalt reagiert wird, damit sie leichter Nachwuchs rekrutieren können. Wir dürfen als Gesellschaft nicht darauf hereinfallen.

Reichen die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland?

Özdemir: Die Aggression von potentiellen Attentätern darf man nicht unterschätzen. Sie kommen nicht mit selbst gebastelten Pistolen, sondern mit schwerem Gerät. In kleinen Gruppen. Deswegen müssen wir jetzt überprüfen, ob die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland dem Rechnung tragen; ohne in Panik zu verfallen. Vor allem dürfen wir uns nicht einschüchtern lassen.

Die größte Gefahr geht offensichtlich von Rückkehren aus Syrien und Irak aus, die kriegserfahren und trainiert sind. Wie können sie gestoppt werden?

Özdemir: Der IS-Terror ist noch nicht gebannt, das Krebsgeschwür noch nicht gestoppt. Und damit ist auch eine Ursache noch nicht beseitigt, dass die Gewalt zu uns herüber schwappt. Wer in Syrien war und dort Verbrechen begangen hat, kann nicht einfach zurückkommen und so tun, als ob nichts geschehen wäre. Diejenigen, die nicht in Verbrechen beteiligt waren und desillusioniert sind, sollte man stärker für die Prävention einsetzen, damit sich keine weiteren jungen Muslime radikalisieren und überhaupt als Kämpfer dorthin ziehen.

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