Mit dem größten Zulauf, den die nordrhein-westfälische SPD je bei einem politischen Aschermittwoch in Schwerte hatte, feiert die Partei ihre Spitzenkandidatin Hannelore Kraft und den Kanzlerkandidaten der hart arbeitenden Menschen.

Politische Aschermittwoch - SPD
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sind beim politischen Aschermittwoch in Schwerte bester Dinge.

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sind beim politischen Aschermittwoch in Schwerte bester Dinge.

Griff auch selber zur Klarinette, Martin Schulz spielte mit der Pilspicker Jazz Band, die das Rahmenprogramm des Abends bildete.

Bernd Thissen, Bild 1 von 2

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sind beim politischen Aschermittwoch in Schwerte bester Dinge.

Schwerte. Sechs Euro haben die Genossen im großen Festsaal des „Freischütz“ für den 25. politischen Aschermittwoch der nordrhein-westfälischen SPD bezahlt. 700 sind es geworden, die am Abend in dem Waldlokal an der A1 in Schwerte sitzen. Dreieinhalb mal so viele Karten hätte die Landespartei verkaufen können, aber das erlaubt der Brandschutz nicht. Noch die gegenüber liegenden Waldwegen sind zugeparkt. Der Medienauflauf entspricht einem Landesparteitag. Das alles muss für die SPD sein, als ob sie träumt.

Gut eine Stunde freut sich der Saal bereits seiner guten Stimmung, als die Dixie-Band auf der Bühne „Oh when the Saints go marching in“ spielt – für Sankt Martin, der mit Ministerpräsidentin und NRW-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft und dem Landtagsfraktionsvorsitzenden Norbert Römer in den Saal einzieht. Kraft ist glänzender Stimmung. Und in Kampfeslaune. „Aschermittwoch ist ja eigentlich Symbol für Ende“, sagt sie, und bringt ihre Stimme danach auf Megafon-Lautstärke: „Aber in diesem Jahr ist es Symbol für Startschuss!“ Für was, geht im Applaus und Jubel unter. So hat die Partei ihre Spitzenkandidatin schon lange nicht mehr erlebt.

Politische Aschermittwoch - SPD
Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sind beim politischen Aschermittwoch in Schwerte bester Dinge.

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sind beim politischen Aschermittwoch in Schwerte bester Dinge.

Griff auch selber zur Klarinette, Martin Schulz spielte mit der Pilspicker Jazz Band, die das Rahmenprogramm des Abends bildete.

Bernd Thissen, Bild 1 von 2

Griff auch selber zur Klarinette, Martin Schulz spielte mit der Pilspicker Jazz Band, die das Rahmenprogramm des Abends bildete.

Als erster bekommt der türkische Ministerpräsident in Schwerte sein Fett weg. Kraft animiert ihre Partei, aufzustehen – und zwar auch körperlich – für „Demokratie, Gewaltenteilung und freie Medien!“ Und dann formuliert sie eine Ansage, die sie als Ministerpräsidentin in ähnlicher Klarheit bislang vermieden hat: „Wer unsere Rechte nutzen will, muss auch im eigenen Land dafür sorgen, dass diese Rechte uneingeschränkt gelten“, ruft sie, und schließlich: „Wir wollen keinen Wahlkampf des türkischen Staatspräsidenten hier bei uns.“

Kraft wiederholt viel von dem, was sie kürzlich bereits bei ihrer Kandidatenaufstellung in Düsseldorf gesagt hat, nur angriffslustiger. So bekommt auch ihr Herausforderer Armin Laschet erstmals offen ein paar verbale Hiebe mit: Die Raute der Kanzlerin im Bund werde nicht mehr reichen, wo im Land „der Herausforderer der CDU nicht einmal die Frage beantworten kann, wie viele Polizisten er einstellen würde. Wer so vage ist, so wenig in den Themen, der darf keine Verantwortung übernehmen!“ Und sie unterstellt Laschet, mit falschen Zahlen zu argumentieren. Das ist neu.

Und es ist kalkuliert. Die Zeit sei vorbei, wo „sie“ sie eine Schuldenkönigin genannt hätten, „weil wir hier konsequent gegen Steuerbetrüger vorgehen.“ Die Studiengebühren, die die CDU wieder einführen wollen, nennt sie „sch... Studiengebühren“, so dass jeder „scheiße“ versteht, ohne dass sie es wirklich ausspricht. Die Halle ist begeistert, eine Stimmung wie im Schwerter Freischütz kennt man an politischen Aschermittwochen eigentlich nur aus Bayern. Und dort nicht von der SPD.

Auch das ist in diesem Jahr anders. Denn er, der hier in Schwerte die Lahmen klatschen und die Beladenen jubeln macht, er, dem sie heute auch zutrauen würden, über Wasser zu gehen, erzählt verschmitzt, dass er bei der bayerischen SPD in Vilshofen am Morgen 5.000 Zuhörer hatte. In Passau bei der CSU durften nur knapp 4.000 in die Halle. „Der CSU-Generalsekretär hat gesagt“, verkündet Schulz mit fröhlich-rheinischem Singsang in der Stimme, „sie hätten die gefühlte Mehrheit“. Und wie am Morgen in Bayern sagt Martin Schulz am Abend in Westfalen: „Wir treten an die stärkste politische Partei in der Bundesrepublik Deutschland zu werden. Und dieser Satz hat eine logische Konsequenz: Ich trete an, der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.“

Martin Schulz wiederholt vieles von dem, was er bereits am Morgen in Bayern gesagt, was die meisten in Schwerte aber noch nicht von ihm gehört haben. Und das ist der Unterschied. Martin Schulz erzählt von seiner Abscheu gegen Nazis, gegen Orbán und die CSU, und von einem wunderbaren Land, in dem aber leider nicht alles wunderbar sei. Und dass es ihm um die Würde des Menschen geht. Dass sie alle als Sozis in dieser Halle sich besinnen: „Auf unsere eigene Kraft.“ Und darauf, wie das eigentlich ist. Wenn man nachts wach wird. 55. Die Kinder noch im Haus. Und dann arbeitest Du in einem Betrieb, der von der Schließung bedroht ist.

Das sind die stärksten Momente des Abends. Das kann Hannelore Kraft nicht und erst recht nicht Norbert Römer. „Wir müssen das spüren können, wie das ist“, sagt Martin Schulz. Manche schrieben, das sei sentimentale Rhetorik. „Nee“, sagt Schulz, „das ist mir auch egal, wenn die das schreiben. Es geht darum, dass niemand nachts mit Angst wach werden muss in einer solidarischen Gesellschaft.“

Und natürlich erzählt Schulz, wie „die“ fragen, ob einer ohne Abitur eigentlich Kanzler könne, ein Provinz-Fuzzi wie er. „Ich weiß, wie das Leben von unten aussieht“, sagt Schulz, und wie man sich wieder hoch arbeitet. Wie all die hart arbeitenden Menschen. Die jetzt nichts mehr auf den Stühlen halt, die rhythmisch klatschen und dann das Steiger-Lied singen. „Glück auf, Glück auf“, schallt es aus 700 Kehlen, und aus einigen weiter: „der Martin kommt.“

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