860.000 Menschen sind in Deutschland ohne eigene Bleibe – mehr als die Hälfte davon sind Flüchtlinge. Die Ursache ist eine verfehlte Wohnungspolitik.

Obdachlose in Baden-Württemberg
Alltag in vielen deutschen Städten: Ein Obdachloser schläft in einer Stuttgarter Unterführung.

Alltag in vielen deutschen Städten: Ein Obdachloser schläft in einer Stuttgarter Unterführung.

Sebastian Gollnow

Alltag in vielen deutschen Städten: Ein Obdachloser schläft in einer Stuttgarter Unterführung.

Berlin. Der Winter naht. Für Menschen, die auf der Straße leben müssen, kann die eiskalte Jahreszeit lebensbedrohlich werden. Derzeit haben deutschlandweit nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) allein 52 000 Personen überhaupt keine feste Bleibe, also noch nicht einmal einen Platz in einer Notunterkunft. Das sind 33 Prozent mehr als noch 2014. Auch hier gilt: Tendenz weiter steigend, so die Experten der Arbeitsgemeinschaft am Dienstag in Berlin. Fragen und Antworten zur Entwicklung der Wohnungslosigkeit in Deutschland:

Wie fallen die aktuellen Schätzungen aus?

Dramatisch. Im vergangenen Jahr lebten 420 000 Menschen in Notunterkünften oder kommunalen Übernachtungsstätten. 130 000 davon zusammen mit einem Partner oder Kindern. Allein deren Zahl schätzt die Arbeitsgemeinschaft auf 32 000. Hinzu kamen 440 000 anerkannte Flüchtlinge, die in Gemeinschaftsunterkünften ausharrten. Somit waren im letzten Jahr insgesamt 860 000 Menschen ohne eigene Bleibe. Dies entspricht einem Anstieg von rund 150 Prozent seit 2014. Für 2018 prognostiziert die Organisation eine weitere Zunahme auf 1,2 Millionen wohnungslose Menschen. Die Flüchtlinge wurden deshalb in die Statistik aufgenommen, weil sie sowohl Nachfragende in den Behelfsunterkünften als auch auf dem Wohnungsmarkt sind.

Was sind die Ursachen?

Die Konkurrenzsituation auf dem Wohnungsmarkt habe sich durch die Zuwanderung zwar deutlich verschärft, so BAG-Geschäftsführer Thomas Specht. „Aber die wesentlichen Ursachen für die Wohnungslosigkeit liegen in einer seit Jahrzehnten verfehlten Wohnungspolitik.“ So sei das Angebot an bezahlbarem Wohnraum unzureichend. Vor allem, weil laut Verband der Sozialwohnungsbestand seit 1990 um 60 Prozent auf 1,2 Millionen geschrumpft sei. Bund, Länder und Kommunen hätten zudem einen Großteil eigener Bestände an private Investoren verkauft, „und damit Reserven an bezahlbarem Wohnraum aus der Hand gegeben“. Darüber hinaus fehlten mindestens elf Millionen Ein- bis Zweizimmerwohnungen, so Specht.

Gibt es regionale Unterschiede?

Ja. Dreiviertel der Wohnungslosen leben in den Städten und Metropolen, der ländliche Raum ist kaum berührt. Denn dort sind die Mieten deutlich erschwinglicher. Entsprechend seien städtisch geprägte Bundesländer stärker betroffen. Genauere Angaben kann die Arbeitsgemeinschaft aber nicht machen, weil mit Ausnahme von Nordrhein-Westfalen die Länder keine offiziellen Wohnungslosenstatistiken ausweisen.

Wie verhält es sich mit der Straßenobdachlosigkeit?

Sie ist im Moment vor allem osteuropäisch geprägt. Beispiel Berlin: Menschen aus Osteuropa tragen wesentlich dazu bei, dass die Zahl der Obdachlosen in Berlin auf 3000 bis 6000 hochgeschnellt ist. Hintergrund ist die seit 2011 geltende, volle Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union. Den Betroffenen stehen aber keine Sozialleistungen zu. Allerdings bescheinigten die Experten dem Berliner Senat auch eine „Katastrophen-Prävention“.

Wie lässt sich die Situation insgesamt verbessern? Der Bund und die Kommunen müssten endlich deutlich mehr Verantwortung in der Wohnungspolitik übernehmen, verlangte Werena Rosenke, Vizegeschäftsführerin der BAG. Dazu gehörten Quoten für die Vermietung von geförderten Wohnungen an wohnungslose Menschen und die „gezielte Akquirierung von Beständen“ zum Beispiel bei privaten Vermietern.

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