Burn-out als Volkskrankheit: Permanente Verfügbarkeit und Zeitdruck lassen die Betroffenen regelrecht ausbrennen.

Überstunden in Deutschland
Konzentrierte Arbeit am Computer ist nicht die Regel – Beschäftigte müssen oft mehrere Dinge zugleich erledigen.

Konzentrierte Arbeit am Computer ist nicht die Regel – Beschäftigte müssen oft mehrere Dinge zugleich erledigen.

Oliver Berg

Konzentrierte Arbeit am Computer ist nicht die Regel – Beschäftigte müssen oft mehrere Dinge zugleich erledigen.

Berlin. Die Liste prominenter Namen ist lang: Ex-SPD-Chef Matthias Platzeck, Fernsehkoch Tim Mälzer, Skispringer Sven Hannawald und Profifußballer Sebastian Deisler. Ihre Gemeinsamkeit: Wegen völliger Erschöpfung zogen sie die Reißleine.

Ist Burn-out eine Promi-Krankheit?

Nein. Es kann jeden treffen. Die Krankenkassen sprechen von einer Volkskrankheit. 41 Prozent der Frühverrentungen haben psychische Erkrankungen als Ursache. Diese nahmen laut Krankenkasse DAK-Gesundheit 2012 um vier Prozent zu, rückten erstmals auf Platz zwei aller Krankschreibungen hinter Muskel- und Skeletterkrankungen.

Warum klagen immer mehr Menschen über Psychostress?

Die globalisierte Arbeitswelt, die internationalen Verflechtungen der Konzerne, der Konkurrenzdruck: All das zusammen erhöht die Anforderungen.

Ist jede psychische Erkrankung jobbedingt?

Nein. Manche sind stressresistenter als andere, die dann auch früher an ihr Limit kommen. Depressionen können ihre Ursache auch im privaten Umfeld haben, etwa eine Ehescheidung oder der Tod eines Angehörigen. Hoher Arbeitsdruck, monotone Tätigkeiten und Unzufriedenheit können aber diese seelischen Leiden verschärfen.

Was belastet die Menschen am meisten?

Am häufigsten belastet fühlen sich die Beschäftigten – 58 Prozent – nach dem neuen „Stressreport Deutschland 2012“ der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durch Multitasking, also das Sich-Kümmern-Müssen um mehrere Aufgaben gleichzeitig.

Schreibtisch umgestalten: Fotos von der Liebsten, Erinnerungen an den letzten Sommerurlaub oder die Kinokarten für den Feierabend – „alles, was die Seele baumeln lässt“, sei ein wahrer Stresskiller, sagt der Psychologe.

 

Hamsterrad stoppen: Am Montagmorgen nicht gleich wieder loshetzen wie eh und je. „Die Grundprämisse ist, erstmal keinen Stress aufkommen zu lassen“, sagt der Arbeitspsychologe Frank Brenscheidt von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. „Ein Tässchen Kaffee oder Tee ist schon ein ganz guter Start.“ Auch zwischendurch gelte: Immer mal innehalten und sich fragen „Reicht es vielleicht auch in zehn Minuten?“

 

Schluss mit Aufschieberitis: „Oft ist es so, dass man die falschen Prioritäten setzt und wichtige Aufgaben vor sich herschiebt“, sagt der Experte. Dadurch werde der Stress am Ende umso größer. Klingt nicht neu, kann aber helfen: To-do-Listen (Aufstellung der Dinge, die zu tun sind).


Kollegenschnack:  „Unterstützung durch Kollegen ist die ideale Stress-prävention“, sagt Brenscheidt. Also in der Teeküche einfach mal mit einem netten Kollegen ein Schwätzchen halten. Dann sieht die Welt schon wieder anders aus – und vielleicht bietet er ja sogar seine Hilfe an.

 

Und nach Feierabend? Sport treiben! „Ein wichtiges Mittel, um Stress abzubauen, ist Sport“, erklärt Brenscheidt. „Wenn man ein gutes Körpergefühl hat, geht vieles leichter“, betont er.

Termin- und Leistungsdruck sowie ständige Unterbrechungen nerven die Arbeitnehmer ebenfalls erheblich. Laut BAuA hat sich der Anteil der von diesen Stressfaktoren betroffenen Beschäftigten auf dem relativ hohen Niveau des vergangenen Jahrzehnts stabilisiert.

 Macht Arbeit generell krank?

Nein. Arbeit trägt nach Einschätzung der BAuA-Experten grundsätzlich zur Zufriedenheit bei: Die psychische Gesundheit Erwerbstätiger ist meist besser als die von Arbeitslosen.

Was ist mit den Chefs?

Die stehen meist selbst unter Dauerstress, und zwar umso mehr, je größer die Zahl der Mitarbeiter ist, für die sie verantwortlich sind. Das macht es Führungskräften schwer, „gesundheitsförderlich zu führen“, heißt es im Report. Immerhin 59 Prozent der Beschäftigten geben an, von ihren Vorgesetzen häufig Unterstützung zu erhalten.

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