Johannes Rau wäre am Sonntag 80 Jahre alt geworden. Für Christina Rau hat er Nordrhein-Westfalen eine Identität gegeben.

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Düsseldorf. WZ: Frau Rau, Ihr Mann wäre am Sonntag 80 Jahre alt geworden, am Montag ehrt ihn das Land mit einer Veranstaltung. Welche Bedeutung hat er heute für NRW?

Rau: Ich merke, dass mein Mann bei vielen Leuten einfach unheimlich präsent ist. Immer wieder kommen Menschen auf mich zu und fragen: Was würde Ihr Mann dazu sagen. Das kann ich natürlich nicht beantworten. Ich merke aber, dass es ein großes Bedürfnis nach vertrauenswürdigen Politikern gibt, die zuhören können.

WZ: Ihr Mann hat mit seinen 20 Jahren Amtszeit als Ministerpräsident das Land geprägt wie kein zweiter. Wie wird man zum Landesvater?

Rau: Dafür gibt es kein Patentrezept und keine Anleitung. Mein Mann hat vor Entscheidungen immer mit allen Beteiligten geredet. Ihm wurde manchmal Entscheidungsschwäche vorgeworfen. Ich denke, es war eine Stärke von ihm, nicht vorschnell zu urteilen sondern das Gespräch zu suchen. Auch deshalb war ihm das Amt des Wuppertaler Oberbürgermeisters (1969-1970, d. Red) so immens wichtig. Denn da war er ganz nah bei den Menschen.

WZ: Johannes Rau pflegte Kontakte in viele gesellschaftliche Bereiche hinein – in die Kirchen, in die Gewerkschaften, in die Sozialverbände, aber auch zu den Unternehmern und Kunstschaffenden. Ist das heute überhaupt noch leistbar in einer Gesellschaft, die immer mehr zerfasert?

Rau: Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass es leistbar ist und die Bürger genau das von Politikern erwarten. Sie müssen wissen, was die Menschen bedrückt. Und das erfahren sie durch gutes Zuhören.

WZ: Die Amtszeiten Ihres Mannes als Landesbildungsminister und als Ministerpräsident sind mit dem Bau von zahlreichen neuen Hochschulen im Land verbunden, um Kindern aus Arbeiterfamilien das Studium zu ermöglichen. Ist das Konzept aufgegangen, oder ist dieses Erbe in Gefahr?

Rau: Die Hörsäle an den vielen Unis im Lande sind voll, also war diese Idee und ihre Umsetzung ein großer Erfolg. Nun muss die aktuelle Politikergeneration die Lösungen finden, wie gerechte Studienbedingungen hergestellt werden können. Bei dem Thema Bildung war er bestimmt ein Vorreiter, aber auch das Thema Umwelt hat er in den Mittelpunkt gerückt, als es für viele noch ein Nischenthema war. So hat er das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie gegründet, das heute Weltruf genießt.

„Sein ,Wir in Nordrhein-Westfalen’ war mehr als ein Spruch.“

WZ: Als Ihr Mann 1978 Ministerpräsident wurde, gab es zwar Nordrhein-Westfalen, doch die Menschen begriffen sich als Rheinländer, Westfalen oder Lipper. Ist Nordrhein-Westfalen immer noch ein Bindestrichland?

Rau: Nein, ich glaube nicht. Natürlich hat jeder seine Region, in der er verwurzelt ist. Das muss auch so sein. Aber sein „Wir in Nordrhein-Westfalen“ war mehr als ein Spruch. Heute gibt es das Wissen: Gemeinsam sind wir stark.

WZ: Johannes Rau hat sich sehr in Israel engagiert. Stehen Sie noch in Kontakt?

Rau: Ja, sogar sehr intensiv. Mit dem deutsch-israelischen Zukunftsforum hatten wir gerade erst ein Treffen mit dem israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres und Bundespräsident Christian Wulff. Ich finde es überhaupt sehr gut, wie der Bundespräsident genauso wie Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sich für Israel und den Frieden im Nahen Osten einsetzen.

WZ: Sie engagieren sich vielfältig. Hat es Sie nie gereizt, in die Politik zu gehen?

Rau: Nein, ein politisches Amt habe ich nie angestrebt. Man kann sich auch ohne politisches Amt einmischen.

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